Dr. Ilka Hoffmann: "Öffentliche Hand hat geschlafen"

"Öffentliche Hand hat geschlafen"

Ein Gespräch mit Dr. Ilka Hoffmann, Leiterin des Organisationsbereichs Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

Thomas Shihabi. Onlinefassung: Laszlo Mura   14.08.2020 | 13:30 Uhr

Zum Beginn des neuen Schuljahres wollen Schulleitungen, Politik und Eltern so weit wie möglich zum Regelbetrieb zurückkehren - nach den monatelangen Einschränkungen gar nicht so einfach. SR-Moderator Thomas Shihabi hat mit Dr. Ilka Hoffmann, der Leiterin des Organisationsbereichs Schule der GEW, u. a. über Maskenpflicht und Digitalisierung gesprochen.

In bislang sechs Bundesländer ist die Schule wieder gestartet. In Mecklenburg-Vorpommern mussten bereits zwei Schulen nach Corona-Infektionen wieder geschlossen werden. In Berlin gibt es bereits in der ersten Woche acht Corona-Fälle an Schulen.

Maskenpflicht in Schulen

Dr. Ilka Hoffmann plädiert im Namen der "Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft" gegen eine generelle Maskenpflicht in Schulen. Nicht nur stickige Luft bei hohen Temperaturen seien ein großes Problem, der Unterricht selbst leide zum Teil auch darunter, so Hoffmann: "Wenn man die Mimik nicht sieht, dann kann man keine Fremdsprachen lernen." Auch der Schriftsprach-Erwerb von kleinen Kindern sei behindert, sie seien ebenso auf "Mundbild und Mimik" angewiesen.

Digitalisierung an Schulen

Im Kanzleramt ging es am 13. August mit Bundeskanzlerin Merkel, Bildungsministerium Karliczek und Bildungspolitikern aus mehreren Bundesländern ebenfalls um das Thema Schule. Ein Ergebnis betrifft die Digitalisierung: Alle Lehrerinnen und Lehrer sollen Dienstlaptops und die Schüler günstige Internetanschlüsse bekommen. Bei der praktischen Umsetzung sollen hier wieder vor allem die Länder am Zug sein.

Hoffmann begrüßt diese Entwicklung und sieht eine Forderung der Gewerkschaft damit als erfüllt an: Erstens dürfe Schulunterricht nicht von der privaten Technik-Ausstattung der Lehrpersonen abhängen und zweitens sollte aus Datenschutzgründen allgemein auf den Gebrauch privater Endgeräte verzichtet werden.

"Viel zu spät"

Dieser "Schritt in die richtige Richtung" komme leider aber viel zu spät, sagt Hoffmann. Diese Maßnahmen hätten schon viel früher getroffen werden müssen, um auf eventuelle Schulschließungen oder die Ausweitung von Fernunterrichtung vorbereitet zu sein.

Was das technische Know-How der Lehrer angehe, so Hoffmann, habe "die öffentliche Hand geschlafen". Die Weiter- und Fortbildung von Lehrkräften sei seit Jahren chronisch unterfinanziert. Auf Weiterbildungsangebote von Privatunternehmen, bei denen die Vermarktung der eigenen Programme im Vordergrund stünden, dürfe man sich nicht verlassen.

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Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 14.08.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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