Belarus: "Druck auf Lukaschenko immer stärker"

"Druck auf Lukaschenko gesamtgesellschaftlich immer stärker"

Ein Gespräch mit Moskau-Korrespondentin Christina Nagel über die Lage in Belarus

Holger Büchner. Onlinefassung: Rick Reitler   13.08.2020 | 07:45 Uhr

Nach Einschätzung von Moskau-Korrespondentin Christina Nagel lässt sich die breit aufgestellte Protestbewegung in Belarus quer durch alle Schichten und Altersklassen nicht mehr schnell "unter den Deckel" bekommen. Immer mehr Prominente solodarisierten sich inzwischen öffentlich mit den Oppositionellen. Langzeit-Präsident Lukaschenko gerate immer mehr unter Druck.

Nach dem umstrittenen erneuten Wahlsieg von Langzeit-Präsident Alexander Lukaschenko am vergangenen Sonntag in Belarus kommt das Land nicht zur Ruhe: Die Gegenkandidatin Tichanowskaja ist ins Ausland geflohen, ihre Anhänger protestieren auf den Straßen und die Polizei geht gewaltsam gegen die Demonstranten vor. Wenige Menschen sollen bereits ums Leben gekommen und mehrere tausend verhaftet worden sein.

"Ein weitere Toter"

Auch in der Nacht zum 13. August habe es wieder Gewalt in den großen Städten gegeben, berichtet Moskau-Korrespondentin Christina Nagel im Gespräch mit SR-Moderator Holger Büchner. "Die Polizei hat wieder Schlagstöcke, Blendgranaten und Gummigeschosse eingesetzt", so Nagel, "und in der Nacht hat es eben einen weiteren Toten gegeben".

Lukaschenko unter Druck

Präsident Lukaschenko und die gesamte Staatsführung täten nun gut daran, nicht darauf zu vertrauen, dass die Proteste bald aufhören werden, meint Nagel: Die breite Widerstandsbewegung quer durch alle Schichten und Altersklassen lasse sich nicht mehr schnell "unter den Deckel" bekommen. Immer mehr Prominente wie beispielsweise die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch solodarisierten sich mit den Oppositionellen.

EU-Sanktionen wohl keine Option

Die Idee, von Seiten der EU nun wirtschaftliche Sanktionen gegen Belarus zu verhängen, sei eine zweischneidige Sache - diese würden schließlich nicht nur den Präsidenten treffen, sondern das wirtschaftlich ohnehin bereits gebeutelte Land und seine Bevölkerung. "Da wird man sich schwer tun, einen solchen Schritt zu gehen", so Nagels Prognose.

Weitere Informationen:

Jovanka Worner, Belarus-Expertin bei Amnesty International (AI) Deutschland
"Katastrophale Zustände" in den Haftzellen von Belarus
Die Zustände in den Haftzellen der in Belarus eingesperrten Lukaschenko-Gegner sind nach Einschätzung von Amnesty International "katastrophal": Wasser- und Essensmangel sowie Schlafentzug prägten die Realität der Verhafteten. Auch Schläge und andere Foltermethoden soll es gegeben haben, berichtet AI-Expertin Jovanka Worner im SR-Interview.

tagesschau.de: Menschenketten gegen Lukaschenko
Weiterer Toter bei Protesten in Belarus
Ungeachtet massiver Polizeigewalt haben den vierten Abend in Folge Menschen in vielen Städten in Belarus gegen Präsident Lukaschenko protestiert. Ein 25-jähriger Mann starb nach seiner Festnahme.


Mehr zum Thema im Archiv:

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Nach dem überraschend klaren Wahlsieg des Amtsinhabers Lukaschenko steht in Weißrussland der Vorwurf der Wahlfälschung im Raum. Die Polizei ging am 9. August hart gegen Demonstranten vor. Im Lauf des Folgetages werde es sicher zu weiteren Straßenprotesten kommen, meint Korrespondentin Christina Nagel im SR-Interview.


Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 13.08.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt zwei Frauen im Gespräch mit einem Bereitschaftspolizisten in MInsk, während Sicherheitskräfte einen Teil einer Straße blockieren (Foto: dpa / AP / Sergei Grits).

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