Der Libanon - verarmt, gespalten, festgefahren

Der Libanon - verarmt, gespalten, festgefahren

Ein Gespräch mit dem Nahostexperten Prof. Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, über die Lage im Libanon

Holger Büchner. Onlinefassung: Rick Reitler   12.08.2020 | 08:15 Uhr

Der Nahostexperte Prof. Volker Perthes blickt im SR-Interview mit Sorge auf die Lage im Libanon: Das Land sei nicht erst seit der Explosion im Hafen von Beirut verarmt und in die beiden Lager Zivilgesellschaft und Machtelite gespalten. Er empfiehlt eine "neutrale Expertenregierung", die das Land zu Neuwahlen führen solle.

Nach der verheerenden Explosion in Beirut ist der Libanon zerrissener denn je: Gewaltsame Proteste haben inzwischen zum Rücktritt des Kabinetts geführt. Doch die Lage im Land war schon lange davor angespannt, erklärt der Nahostexperte Prof. Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, im Gespräch mit SR-Moderator Holger Büchner.

Regierungsversagen, Korruption, Armut

Schon seit Herbst 2019 habe es in dem veramten Land "fast anhaltende Proteste gegen Regierungsversagen und gegen Korruption" gegeben. Der Libanon sei zudem "Gastgeber wider Willen" für eine Million syrische Flüchtlinge; mit Israel befinde man sich offiziell im Krieg. Im März sei dann auch noch die Zahlungsunfähigkeit des Staates klar geworden. "Damit ist das Modell Libanon als Finanzplatz im Nahen Osten erstmals infrage gestellt worden", sagte Perthes.

"Elite klebt an der Macht"

Während die Zivilgesellschaft Reformen aufgeschlossen gegenüber stehe, lehne die "Elite" Veränderungen strikt ab. Daran werde wohl auch der aktuelle Besuch des deutschen Außenmninisters Heiko Maas nichts ändern: "Wir haben hier den Kontrast zwischen einer hochmobilisierten, aktiven, bewussten Gesellschaft und eben einer Regierung oder einem Machtkartell aus verschiedensten Gruppen - Milizen, konfessionellen Gruppen -, die den Libanon sozusagen unter sich aufgeteilt haben und sich auch gegen den Widerstand aus der Bevölkerung wehren; mit aller Macht versuchen, an der Macht zu kleben", stellte Perthes fest.

Empfehlung: "neutrale Expertenregierung"

Die stärkste Kraft im Land sei mittlerweile die Hisbollah, die "von der schwierigen geopolitischen Situation" profitiere. Er selbst empfehle eine "neutrale Expertenregierung" für den Libanon, die das Land wieder zu Neuwahlen führen sollte.

Hintergrund:

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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 12.08.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Foto ganz oben zeigt regierungskritische Demonstranten in Beirut (Libanon) bei einem Trauermarsch zu Ehren der Opfer der Explosion vom 4. August 2020 (Foto: dpa / Marwan Naamani).

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