"Auch in Corona-Zeiten denken die Kliniken an Profit"

"Auch in Corona-Zeiten denken die Kliniken an Profit"

Ein Gespräch mit Ursel Sieber, Co-Autorin der ARD-Dokumentation "Markt macht Medizin"

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler   20.07.2019 | 07:25 Uhr

Die Dokumentarfilmerin Ursel Sieber hat von den Landesgesundheitsministerien deutlich mehr Eingriffe und "stärkere Vorgaben" für die Krankenhäuser gefordert. Die Kliniken handelten zu stark nach den Marktgesetzen. Das deutsche Gesundheitssystem als Ganzes kranke an dieser "Profitorientierung", so Sieber im SR-Interview.

Bestimmte Krankheitsfälle sind für die Kliniken in Deutschland finanziell interessanter als andere und ziehen entsprechende Entscheidungen der Geschäftsleitungen nach sich - letztlich auf Kosten der Beitragszahlerinnen und Beitragszahler bzw. der Patientinnen und Patienten. Das ist eine der Kern-Kritikpunkte, die eine aktuelle ARD-Doku unter dem Titel "Markt macht Medizin" herausgearbeitet hat.

Ertragsschwache Kindermedizin

Die personalintensive Kindermedizin sei beispielsweise ein Bereich, in dem Krankenhäuser normalerweise keinen Gewinn erzielen könnten. Deshalb neigten sie dazu, immer mehr Kinderstationen zu schließen, berichtete Ursel Sieber, eine der Autorinnen des Films, im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue. An deren Stellen träten dann mehr Kapazitäten für gewinnträchtigere Fälle wie etwa Herzchirurgie oder Orthopädie. Hier gebe es "eine unglaubliche Zunahme, auch an Operationen, an Eingriffen. Brauchen wir das überhaupt?", fragte Sieber.

Schon 6,6 Milliarden an Tagespauschalen geflossen

Ein weiteres aktuelles Beispiel für die Marktmechanismen im Medizinbetrieb sei die Tatsache, dass die Regierung während der Corona-Krise "massiv" in die Planungen der Krankenhäuser "eingegriffen" habe, damit die Klinken ihre Betten für Corona-Patienten freihielten, erklärte Sieber. Bislang habe die Regierung dafür rund 6,6 Milliarden Euro Steuergeld an "Tagespauschalen" überwiesen. Sieber mahnte trotzdem: "Wenn wir das dem Markt überlassen hätten, die Organisation dieser Krise, dann kann ich nur sagen: gute Nacht."

Gesundheitssystem krankt an Profitdenken

Unterm Strich kranke das deutsche Gesundheitssystem als Ganzes "an dieser Profitorientierung". Sieber forderte, dass die zuständigen Landesgesundheitsministerien deshalb "viel mehr eingreifen" und "stärkere Vorgaben machen" müssten.

Der SR 2-TV-Tipp:

Exclusiv im Ersten:
Markt macht Medizin
Die ARD-Doku "Markt macht Medizin" schaut hinter die Kulissen des deutschen Gesundheitssystems und stellt fest: Die Gesetze von Wettbewerb und knallharten betriebswirtschaftlichen Kalkülen sind aus dem deutschen Klinikalltag nicht verschwunden. Im Gegenteil.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 20.07.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt einen medizinischen Eingriff in einem Operationssaal (Archivbild: Felix Schneider).

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