Über die schwierige Lage der Politik in einem "komplexen Risikogeschehen"

Über die schwierige Lage der Politik in einem "komplexen Risikogeschehen"

Ein Gespräch mit dem Leopoldina-Psychologen Prof. Klaus Fiedler über die Herausforderungen für die Politik beim Thema Lockerungsmöglichkeiten in der Corona-Krise

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler   15.04.2020 | 08:45 Uhr

Der Psychologie-Professor und Leopoldina-Wissenschaftler Klaus Fiedler sieht die Politik in einer schwierigen Lage: Bei der Corona-Krise habe man es "mit einem komplexen Risikogeschehen" zu tun. Auch der Status quo beinhalte "enorm viel Nebenwirkungen in einer Kosten-Nutzen-Analyse", so Fiedler im SR-Interview.

Wochenlang war das Robert-Koch-Institut (RKI) stets die wichtigste Anlaufstelle, wenn es um die wissenschaftliche Seite der Corona-Krise ging. Seit wenigen Tagen beherrscht ein Schriftstück eines anderen Instituts die Schlagzeilen - nämlich die Leopoldina. Eine Arbeitsgruppe dieser "Nationalen Akademie der Wissenschaften" hatte am Ostermontag eine Art Thesenpapier vorgestellt, in dem Empfehlungen zur Lockerung der Maßnahmen gegeben werden. Nun muss die Politik irgendwie reagieren.

"Komplexes Risikogeschehen"

Doch das wird keine leichte Aufgabe - davon ist der Leopoldina-Psychologe Prof. Klaus Fiedler überzeugt. Immerhin hätten 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an dem Papier mitgewirkt, und sie alle hätten dabei "Haare gelassen". Niemand habe seine Überzeugungen "optimal durchsetzen" können, stets habe am Ende ein Kompromiss gestanden. "Ich habe mich auch sehr geärgert, über das, was ich nicht durchgekriegt habe", sagte Fiedler im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue, "aber ich sage im Rückblick auf dieses Papier, es spiegelt den richtigen Sachverhalt wider, dass wir es mit einem komplexen Risikogeschehen zu tun haben".

"Illusion der Sicherheit"

Das Corona-Risiko sei nach wie vor hoch, erklärte Fiedler - und warnte vor der "Illusion der Sicherheit", wie sie in der aktuellen Phase von Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren irrtümlicherweise vorherrsche. Denn auch diese "augenblicklichen Zustände" seien "überhaupt nicht risikofrei", sondern hätten "enorm viel Nebenwirkungen in einer Kosten-Nutzen-Analyse".

Handlungsoptionen durch Leopoldina

Kritik an der Stellungnahme der Nationalakademie Leopoldina
Audio [SR 2, Jochen Erdmenger, 15.04.2020, Länge: 03:26 Min.]
Kritik an der Stellungnahme der Nationalakademie Leopoldina
In der Debatte um eine mögliche Exit-Strategie aus den derzeitigen Corona-Beschränkungen spielt das ein Thesenpaper der Wissenschaftsakademie Leopoldina eine wichtige Rolle. Vor allem die Frage der schrittweisen Öffnung von Bildungseinrichtungen wird heftig diskutiert. Jochen Erdmenger fasst die Kritikpunkte zusammen.

Genau damit müssten sich nun auch die Regierungsverantwortlichen auseinandersetzen. "Alle Maßnahmen haben nicht nur Vorteile, sondern auch erhebliche Nachteile, ungewollte Nebenwirkungen", gab Fiedler zu bedenken. Auf Grundlage des Leopoldina-Thesenpapiers aber sehe man "die Kosten-Nutzen-Rechnung ein bisschen balancierter", wodurch die Politik nun wenigstens wieder die Möglichkeit habe, überhaupt zu handeln.

Hintergrund:

Eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) hatte am Ostermontag Empfehlungen ausgesprochen, wie eine schrittweise Rückkehr in ein normales Leben trotz der Corona-Krise aussehen könnte: Demnach könnten Läden und Gaststätten, in denen der Abstand gewahrt werden kann, bald wieder öffnen, im öffentlichen Nahverkehr sollte Maskenpflicht gelten und Schulunterricht für jüngere Kinder sollte wieder stattfinden - allerdings in kleineren Gruppen und zeitversetzt.


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Auflagen in der Corona-Krise: Was gelockert wird - und was nicht
Es sind erste kleine Schritte heraus aus den strikten Beschränkungen gegen die Corona-Pandemie, auf die sich Bund und Länder geeinigt haben. Ein Überblick darüber, was wann wieder möglich ist und welche Auflagen vorerst weiter gelten.

Vor Beratungen auf Bundesebene
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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder wollen am Mittwoch über die nächste Phase des Kampfs gegen das neuartige Coronavirus beraten. Saar-Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) fordert einen Masterplan für die nächsten Wochen und Monate.


Weitere Informationen:

Die Lage am Morgen
Corona-Krise aktuell
Zahlen, Daten, Fakten zur Corona-Krise in der Region am Morgen des 15. April 2020, zusammengetragen von der Landespolitikredaktion des Saarländischen Rundfunks.

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Alle Nachrichten rund um das Coronavirus im Saarland
In unserem Dossier informieren wir Sie über aktuelle Nachrichten rund um das Coronavirus im Saarland und der Grenzregion.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 15.04.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt eine Fahne mit dem Logo der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina (Foto: dpa / Hendrik Schmidt).

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