"Es gibt einen sozialen Druck, aber für eine gute Sache"

"Es gibt einen sozialen Druck, aber für eine gute Sache"

Ein Gespräch mit dem Internet-Experten und Publizisten Jörg Schieb über eine neue Corona-App und Datenschutz

Holger Büchner. Onlinefassung: Rick Reitler   07.04.2020 | 08:50 Uhr

Demnächst soll eine Corona-App erhältlich sein, die über das Smartphone unsere Sozialkontakte anonymisiert auswertet, um die Corona-Infektionsketten besser unterbrechen zu können. Der Internet-Experte und Publizist Jörg Schieb sieht darin gar kein Problem - schon gar nicht, was den Datenschutz angeht. Ein Interview.

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Die vor einer Woche angekündigte europäische Corona-Warn-App für das Smartphone könnte noch in diesem Monat bereitstehen. Die Entwickler gehen von einem Starttermin zwischen dem 15. und 19. April aus.

Der Internet-Experte und Publizist Jörg Schieb hat sich im SR-Interview für eine neue Smartphone-App stark gemacht, die auf Bluetooth-Funk-Basis Daten sammeln und dann warnen soll, wenn wir an der Bushaltestelle, im Supermarkt oder im Wald einem infizierten Menschen möglicherweise zu nahe gekommen sind. Unter Verwendung eines Zentralcomputers könne die App dann entsprechende Empfehlungen erteilen - beispielsweise für einen Corona-Test. All das soll allerdings völlig anonym und freiwillig sein.

"Keine Datenschutz-Bedenken"

Bei der wohl schon in wenigen Tagen erhältlichen App gehe es lediglich darum, die Infektionsketten zu unterbrechen. Die Gefahr einer totalen Bürger-Überwachung sehe er keinesfalls, betonte Schieb im Gespräch mit SR-Moderator Holger Büchner: "Da hab' ich gar keine Datenschutz-Bedenken, wirklich nicht". Die App funktioniere so, dass sie zwar einen Kontakt mit einem Corona-Infizierten als "Risiko" an den Nutzer melde, nicht aber, wer die infizierte Kontaktperson gewesen sein könnte.

Möglichst viele sollen mitmachen

Die Sache habe allerdings nur Aussicht auf Erfolg, wenn möglichst viele Menschen die App freiwillig nutzten - Stichwort "Herdenimmunität". Eine Verbreitung der App von mindestens 60 oder 66 Prozent sei nötig, "damit sie auch wirklich zuverlässig arbeitet", sagte Schieb. Der möglicherweise entstehende soziale Druck, vielleicht gegen eigene Bedenken mitzumachen, stehe aus seiner Sicht "für eine gute Sache".

Der andere Blickwinkel:

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Beim Thema Smartphone-Apps streiten sich die Experten. Der RKI-Virologe Christian Drosten glaubt, dass es mit einer App wesentlich schneller ginge, Kontaktpersonen ausfindig zu machen und in Quarantäne zu schicken und somit das normale Alltagsleben schneller wieder Realität werden könnte. Der Virologe Alexander Kekulé dagegen ist skeptisch: Zu unpräzise seien die Apps, und angesichts von Test-Engpässen, fehlender Schutzkleidung und mangelhafter Konzepte für den Schutz von Risikogruppen und medizinischem Personal hält er die Debatte eher für ein politisches Manöver.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 07.04.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt ein Smartphone in der Frühlingssonne (Archivfoto: Pixabay / Wladynosz).

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