Kommentar: Corona - Chancen und Risiken

Chancen und Risiken in drei Dimensionen

Die Meinung von SR-Chefredakteurin Armgard Müller-Adams zu Corona-Krise

Armgard Müller-Adams   31.03.2020 | 07:10 Uhr

Das Coronavirus verändert uns, macht uns allen unsere Zerbrechlichkeit bewusst, wirft uns zurück auf uns selbst. Und es beschleunigt Veränderungen – in drei Dimensionen. Der Kommentar zur Situation von SR-Chefredakteurin Armgard Müller-Adams.

Das Virus verändert uns. Denn es macht uns allen unsere Zerbrechlichkeit bewusst. Es wirft uns zurück auf uns selbst. Und es beschleunigt Veränderungen – in drei Dimensionen. Dabei liegt es an uns, ob diese Veränderungen für uns von Vorteil oder von Nachteil sein werden.

Zunächst in der kulturell-sozialen Dimension. Hier müssen wir uns entscheiden: lassen wir es zu, dass in Folge der wirtschaftlichen Rezession soziale Grenzen zwischen gesellschaftlichen Schichten sich weiter verschärfen, Oben und Unten noch weiter auseinandertriften und immer mehr ins Prekariat abrutschen? Anhaltende Unruhen wären dann nicht ausgeschlossen.

Das wäre das Ende des sozialen Friedens.

Oder erkennen wir, dass Solidarität der Schlüssel zum Meistern der Krise ist und wir Leistung generell anders bewerten müssen? Wir erleben gerade, wer wirklich für die Aufrechterhaltung unserer Gesellschaft gebraucht wird: die Held*innen in der Krise sind neben Pflegekräften und Rettungsdiensten zum Beispiel Kassierer*innen, Landwirt*innen und Busfahrer*innen; ausgerechnet die Personen, die wir bisher nicht besonders gut entlohnen. Während die millionenschweren Vorstände vieler Dax-Unternehmen persönlich gerade nicht wirklich systemrelevant erscheinen.

Eine Grundsicherung, eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für alle, würde diese Ungerechtigkeit abmildern und letztlich dafür sorgen, dass Wertschöpfungsketten nicht gänzlich zusammenbrechen. Denn wenn auch nur vorübergehend große Teile der Bevölkerung wegen ausfallender Verdienstmöglichkeiten auf Konsum verzichten müssen, schadet das dem Wirtschaftssystem insgesamt. Vom gesellschaftlichen Zusammenhalt ganz zu schweigen.

Die zweite Dimension ist die Digitale. Die Angst vor dem Virus schürt derzeit Fake News, Hetze und Hysterie im Internet. Wir stehen vor der Entscheidung: Lassen wir zu, dass dies den Diskurs bestimmt und die, die um ernsthaften Austausch bemüht sind, in der Folge verstummen?

Das wäre das Ende der demokratischen Debatte.

Oder gelingt es uns, die Regeln des Miteinanders aus dem analogen Leben ins Virtuelle zu übertragen? Eben gerade weil Kontakte für alle und nicht nur für einen Teil der Gesellschaft zumindest vorübergehend virtualisiert werden, müssen wir jetzt für empathisches Miteinander im Netz sorgen. Dazu braucht es ein öffentlich-rechtliches digitales Netzwerk, in dem diese Regeln staatsfern und frei von kommerziellen Interessen gelebt werden.

Flankierend müssen stabile und schnelle Internetleitungen und Hardware für alle zugänglich gemacht werden.

Wir müssen also endlich digital mündig werden und dafür sorgen, dass im Internet empathisch geschrieben und gesprochen wird, damit der für die Demokratie lebensnotwendige gesellschaftliche Diskurs nicht vergiftet wird.

In der dritten Dimension geht es um die künftige politisch-wirtschaftliche Struktur. Wir haben die Wahl: Wollen wir nationalstaatliche Abschottung, die sicher einhergeht mit wachsender Fremdenfeindlichkeit und im Privaten gespiegelt wird durch extreme Vereinzelung?

Das wäre das Ende von Europa.

Das Virus zeigt uns gerade, dass Krisen nicht vor menschengemachten, territorialen Grenzen halt machen. Also entscheiden wir uns besser für europaweite Vernetzung und koordinierte Politik – im Sinne stärker gemeinschaftlich ausgerichteten politischen Handelns, nicht nur bei der Seuchenbekämpfung, sondern beispielsweise auch mittels einer pan-europäischen Wirtschafts- und Steuerpolitik. Dazu gehört auch, Europa als Wirtschaftsraum autark zu machen, damit wir in der nächsten Krise nicht wieder abhängig sind von Importen aus dem außereuropäischen Ausland.

Diese drei Dimensionen bedingen sich gegenseitig. Wir müssen den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken – dabei kann uns die virtuelle Kommunikation helfen, wenn wir endlich digital mündig werden. Das ist die Voraussetzung für ein wirtschaftlich vernetztes und daher autarkes Europa. Dann haben wir nicht nur gegen dieses Virus eine Chance. Dann können wir aus der Krise gestärkt hervorgehen – als eine solidarischere, freiere und besser vernetzte Gesellschaft, die daher gelassener in die Zukunft blickt.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 31.03.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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