"Deutschland steht noch immer sehr oft an der Seitenlinie"

"Deutschland steht noch immer sehr oft an der Seitenlinie"

Ein Interview mit dem Politologen und Sicherheitsexperten Prof. Carlo Masala über die 56. Münchener Sicherheitskonferenz

Audio: Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   14.02.2020 | 07:55 Uhr

Der Politologe Prof. Carlo Masala sieht am Morgen des ersten Tags der Münchener Sicherheitskonferenz Nachholbedarf in der deutschen Außen- und Militärpolitik: Wenn man - aus eigenem Interesse - "Verantwortung in der Welt" tragen wolle, müsse man sich das Mittel der militärischen Drohung erlauben, um diplomatisch voranzukommen. Ein Interview.

Seit Jahrzehnten treffen sich Politiker, Militärs und Wirtschaftsvertreter jedes Jahr im Februar auf der Münchener Sicherheitskonferenz, um über internationale Probleme, Krisen und Kriege zu beraten. Und seit Jahren dreht sich aus deutscher Sicht ein Streit um die Frage, ob und wie sich Deutschland international militärisch stärker einbringen darf, soll oder muss - oder eben gerade nicht.

"Kultur der extremen Zurückhaltung"

Nach Auffassung von Prof. Carlo Masala vom Lehrstuhl für Internationale Politik an der Münchener Bundeswehr-Universität pflege die deutsche Regierung in dieser Frage seit Jahren eine "Kultur der extremen Zurückhaltung", gerade wenn es "um die etwas härteren Sachen in der internationalen Politik" gehe.

"Deutschland steht noch immer sehr oft an der Seitenlinie und kommentiert, ohne aber ins Spielgeschehen direkt einzugreifen", sagte Masala im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger. Dies allerdings sei nicht unbedingt der beste Weg für das westliche Bündnis. Vielmehr müsse man "aktiver realisieren", dass man eine "Verantwortung in der Welt" trage, "weil es den eigenen Interessen entspricht", so Masala. Denn dass die Welt "immer weniger westlich" werde, daran werde man nicht viel ändern können - wohl aber daran, "dass der Westen auch selber immer weniger westlich" werde.

Diplomatische Vorbilder

Die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien oder Frankreich beherrschten den "richtigen Mix" in der Außenpolitik deutlich besser, so Masala: Bei diesem gehe es nämlich nicht darum, von vorneherein jegliche internationale Militäraktion auszuschließen, sondern unter bestimmten Umständen auch mittels militärischer Drohungen den Weg aufs diplomatische Parkett zu ebnen. "Da wird Militär als politisches Instrument gebraucht, und das machen wir in Deutschland nicht", kritisierte Masala.

Genau hier spiele die Münchener Sicherheitskonferenz eine wichtige Rolle: Es seien jene "unzähligen bilaterale Gesprächsrunden" in "offener Atmosphäre", die zu der "ein oder anderen diplomatischen Initiative" beigetragen hätten.

Hintergrund

Auf der 56. Münchner Sicherheitskonferenz treffen sich vom 14. bis zum 16. Februar 2020 dutzende Außen- und Verteidigungsminister, Staats- und Regierungschefs, Wirtschaftsvertreter und weitere Gäste im Münchener Nobelhotel "Bayerischer Hof", um u. a. über aktuelle Konflikte, Kriege und Krisenherde zu sprechen. Das traditionsreiche Treffen findet jedes Jahr im Februar in der bayerischen Landeshauptstadt statt. Tausende Polizeibeamte sorgen für die Sicherheit der Konferenzteilnehmer.


Hintergrund:

tagesschau.de: Münchner Sicherheitskonferenz
Allianz gegen die Einzelkämpfer
Heute beginnt die Münchner Sicherheitskonferenz. In Zeiten von egozentrischen Einzelkämpfern in Washington, Moskau und Peking will Deutschland eine Allianz der Multilateralisten schmieden.


Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 14.02.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Foto ganz oben vom 13. Februar 2020 zeigt Limousinen vor dem Tagungshotel "Bayerischer Hof" vor dem Beginn der Münchner Sicherheitskonferenz (Foto: dpa/Sven Hoppe).

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