Erinnern für eine funktionierende Gegenwart

Erinnern - für eine funktionierende Gegenwart

Ein Interview mit Prof. Andreas Nachama, dem Vorsitzenden der allgemeinen Rabbinerkonferenz, zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee

Jochen Marmit. Onlinefassung: Laszlo Mura   27.01.2020 | 07:45 Uhr

Der Schlüssel zu einer "demokratischen und möglichst alle inkludierenden Gesellschaft" liegt in einer angemessenen Erinnerungskultur - davon ist Prof. Andreas Nachama, der Vorsitzende der allgemeinen Rabbinerkonferenz, überzeugt. Anlässlich des "Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" am 27. Januar hat SR-Moderator Jochen Marmit mit ihm gesprochen.

Wenn man sich mit den Untaten des Dritten Reichs befasse, so Nachama, müsse man sich zu allererst die Frage stellen, wie das Ganze passieren konnte. Diese Erkenntnisse könne man dann auf die Gegenwart anwenden. So müsse einerseits polizeiliches und staatliches Handeln von unabhängigen Gerichten immer kontrolliert werden können, als "Rückversicherung, dass so etwas nicht wieder passiert".

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Andererseits müsse gegen Gewalt immer sofort und angemessen vorgegangen werden. Nachama ist der Meinung, dass "eine Gesellschaft, die sich zurücklehnt und sagt, jetzt haben wir es geschafft", schon verloren sei. Für demokratische Werte und ein zivilisiertes Miteinander müsse "jeden Tag neu gerungen werden. Auch für die Bekämpfung von sowas Schwachsinnigem wie Antisemitismus".

Dazu müssten Täter konsequent verfolgt werden. Militante und neonazistische Vereinigungen dürften "nicht nur unter die Lupe genommen", sondern sogar verboten werden.  Der Fall "Combat 18" sei ein Beispiel für die richtige Handhabe, so Nachama.

Auch der einzelne Bürger sei gefragt. Nachama wünscht sich Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft: "Wir sind alle gefragt, wenn wir was beobachten, einzugreifen und etwas zu tun“.

Gute Ansätze

In Deutschland gebe es grundsätzlich eine große Bereitschaft, sich mit den Dingen der Vergangenheit auseinander zu setzen. Man müsse nun noch einen Weg finden, mit den gewaltbereiten Menschen in einen "Diskurs zu kommen, um sie von davon wegzubringen", so Nachama.

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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 27.01.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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