"Die Türkei braucht diese Hilfe genauso wie sie im Interesse der EU ist"

"Die Türkei braucht diese Hilfe genauso wie sie im Interesse der EU ist"

Ein Interview mit dem Migrationsexperten Gerald Knaus zur Lage in der Türkei, Syrien und Griechenland

Thomas Shihabi. Onlinefassung: Rick Reitler   24.01.2020 | 12:40 Uhr

Der Migrationsforscher Gerald Knaus hat eine neue EU-Initiative zur Unterstützung des "überforderten" griechischen Asylsystems gefordert. Was den EU-Türkei-Flüchtlingsdeal angehe, bestehe aus deutscher Sicht kein allzu großer Grund zu Sorge: Sowohl Deutschland als auch die Türkei seien an einer Fortführung interessiert.

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu hat Deutschland und der EU vor Kurzem vorgeworfen, nicht genug Geld für die Versorgung der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten nach Ankara überwiesen zu haben: Von den bis 2018 zugesagten sechs Milliarden Euro seien noch nicht einmal drei Milliarden angekommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel will die Unstimmigkeiten bei einem Treffen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan ausräumen.

Beide wollen Deal behalten

Für den Berliner Migrationsforscher Gerald Knaus besteht derzeit kein allzu großer Grund zu Sorge: Sowohl Deutschland als auch die Türkei seien ja an einer Fortführung des "Deals" interessiert - und beide Seiten wollten Klarheit darüber, wie es mit der Migration in die gesamte EU weiter gehen solle. "Die Türkei braucht diese Hilfe genauso wie sie im Interesse der EU ist", stellte Knaus klar.

Türkei weiter kritisierbar

Von daher sei es aus deutscher Sicht auch kein Problem, die Türkei weiter zu kritisieren, wenn "gefährliche Vorschläge" kämen - wie etwa der Gedanke, "Syrer gegen ihren Willen auf nordsyrischem Territorium unterzubringen. Die sei eine "illegale und gefährliche Idee, zu der es hoffentlich und sehr wahrscheinlich auch nie kommen wird", sagte Knaus.

Griechenland überfordert

Der Migrationsexperte stimmte zu, dass die Lage auf den griechischen Inseln inzwischen einen Punkt erreicht habe, der ohne Hilfe aus Europa wohl nicht mehr zu bewältigen sein werde. "Alle Seiten" trügen daran die "Schuld": Den Griechen sei es nicht gelungen, der EU ein Konzept über Art und Strategie einer menschenwürdigen Hilfe vorzulegen, währen die EU es sich "zu bequem gemacht" und die Lage vor Ort zu lange "ignoriert" habe. "Jetzt ist das griechische Asylsystem nicht mehr in der Lage, das zu schaffen. Wir brauchen eine neue Initiative", forderte Knaus, "sonst wird dieses Jahr für Griechenland und für die Flüchtlinge dort eine Katastrophe".

Hintergrund:

tagesschau.de: Merkel bei Erdogan
Verständigung gesucht
Flüchtlingsdeal, Syrien, Erdgasstreit - zwischen Deutschland und der Türkei gibt es am 24. Januar viel zu besprechen. Doch Kanzlerin Merkel und der türkische Präsident Erdogan haben verschiedene Interessen.

Das ARCHIVBILD ganz oben zeigt eine Aufnahme vom 09.02.2016 des Flüchtlingslagers Oncupinar Kilis in Kilis, Türkei, in der Nähe der Grenze zu Syrien. Ein Thema aus der Sendung "Bilanz am Mittag" vom 24.01.2020 auf SR 2 KulturRadio.

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja