Iraner im Widerstand gegen die "Heuchlerei des Systems"

Im Widerstand gegen die "Heuchlerei des Systems"

Ein Gespräch mit dem Filmemacher Arash T. Riahi über die Lage im Iran

Jochen Marmit, Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   14.01.2020 | 07:15 Uhr

Der iranischstämmige Filmemacher Arash T. Riahi hofft, dass die Straßenproteste gegen die Staatsführung in Teheran endlich Wirkung zeigen und dass das herrschende System am Ende gestürzt werden kann. Die Menschen vor Ort wüssten, dass nicht nur sie, sondern "auch der Westen und alle" belogen würden.

Seit Jahren kochen im Iran immer wieder Proteste gegen die Staatsführung hoch - und werden dann meist gewaltvoll niedergeschlagen. Der zunächst abgestrittene und dann doch eingeräumte irrtümliche Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs durch die Flugabwehr des Iran hat die Proteste nun wieder angefacht - vor allem unter den Studenten von Teheran.

Hoffnung auf Führungswechsel

Für den iranischstämmigen Filmemacher Arash T. Riahi geht es dabei allerdings weniger um die Sache mit dem Flugzeug, sondern vielmehr um die allgemeine Lage im Land und um die "Heuchlerei des Systems". "In Wirklichkeit geht es den Menschen extrem schlecht, und sie wissen auch, dass sie belogen werden und dass auch der Westen und alle belogen werden", sagte Riahi im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger. "Der Optimist in mir, der denkt und hofft, dass die Menschen diesmal sich nicht geschlagen geben und einfach so lang auf die Straße gehen, bis wirklich dann was passiert, bis die Massen wirklich kommen."

"Radikalste" Unterdrückungsmethoden

Er gehe nicht davon aus, dass der Widerstand lediglich "von Amerika oder vom Westen aus" gesteuert werde, sondern den Menschen selbst wichtig sei. Immerhin setzten die Protestler nicht nur ihr eigenes Leben aufs Spiel: "Die Menschen werden mit radikalsten Methoden unterdrückt", sagte Riahi. "Sie wissen, wenn sie erwischt werden, werden sogar Familienmitglieder von ihnen ins Gefängnis gesteckt oder getötet."

Fünf Prozent für den Umsturz

"Wenn 2,5 Prozent der Bevölkerung eines Landes auf die Straße gehen, ist das System schon sehr am Wackeln", gab Riahi zu bedenken. "Wenn es gelingt, fünf Prozent auf die Straße zu bringen, dann ist mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, dass das System stürzt."

Der andere Blickwinkel:

ARD-Korrespondentin Karin Senz
"Jetzt bricht die Einheit wieder auf"
Nachdem der Iran zugegeben hatte, das er das ukrainische Passagierflugzeug durch einen "Fehler" abgeschossen hatte, waren rund 3000 Demonstranten auf Teherans Straßen unterwegs. Eine im Vergleich zu den letzten Tagen zwar recht kleine Gruppe, aber durchaus mit prominenter Unterstützung, erklärt ARD-Korrespondentin Karin Senz. Die Solidarität zur Regierung, die es bei den Protesten zum Tod von General Soleimani gegeben hatte, lasse nun wieder nach.


Hintergrund:

tagesschau.de: Proteste im Iran
Als wäre der Knoten geplatzt
Sie wissen, dass sie alles riskieren - und trotzdem protestieren die Menschen im Iran. Noch sind es wenige, die alles wagen. Doch Arbeiter- und Mittelschicht bilden eine für das Regime gefährliche Einheit.

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 14.01.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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