Welt-Chefreporter Ansgar Graw zum 40. Geburtstag der Grünen

"Ökomoralismus" als Gefahr für den sozialen Frieden

Ein Gespräch mit Ansgar Graw, Die WELT, über vier Jahrzehnte Bündnis 90/Die Grünen

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   13.01.2020 | 11:00 Uhr

Mitte Januar 1980 wurde in der Karlsruher Stadthalle eine neue Partei ins Leben gerufen: Die Grünen. Heute sind sie an elf Landesregierungen beteiligt. Ansgar Graw ist Chefreporter bei "Welt" und "Welt am Sonntag" und beobachtet die Grünen schon lange. Im Februar erscheint sein Buch "Die Grünen an der Macht - eine kritische Bilanz". SR-Moderator Jochen Erdmenger hat mit ihm über die Partei gesprochen.

Noch in den 1980er von vielen als "öko" oder "Müsli" belächelt, erleben die Grünen seit einigen Jahren einen riesigen Aufschwung. An elf Landesregierungen sind sie schon beteiligt und die Chance, dass sie auch in der nächsten Bundesregierung mitmischen, stehen ziemlich gut.

Grüne Hegemonie längst da

Für Ansgar Graw, Chefreporter bei der "Welt" und "Welt am Sonntag", sind die Grünen auch bundespolitisch längst an der Macht - denn sie seien es, die die aktuelle "grüne Hegemonie" geschaffen hätten. "Sie setzen ein Thema, egal ob Atomausstieg oder Kohleausstieg oder Frauenquoten für Unternehmensaufsichtsräte oder -vorstände, oder vorübergehend gar für offene Grenzen", sagte Graw. "Und nach ganz kurzer Gegenwehr haben sich in der Vergangenheit SPD und dann auch die Union diesem grünen Agenda-Setting angeschlossen."

Dieser "grüne Mainstream" bedeute, dass die Partei die deutsche Politik schon jetzt "in weiten Teilen" bestimme. Der "Zugriff aufs Kanzleramt" sei bei der nächsten Bundestagswahl damit durchaus möglich.

"Ökomoralismus"

Doch das sei nicht ungefährlich, denn die Grünen spielten seit jeher die Rolle des "ewigen Panikorchesters", um die Ängste der Menschen zu ihrem Vorteil zu nutzen. Passende Szenarien habe es schon zu den Frühzeiten in den Achtziger Jahren gegeben: Atomkriegsgefahr, Nachrüstung, Atomkraft, Volkszählung, Digitalisierung, Privatfernsehen. "Jetzt ist es die Kohle, der Feinstaub, das Auto mit dem Verbrennungsmotor, die vermeintliche Klimakatastrophe", sagte Graw.

"Ja, es gibt diesen Klimawandel, der ist real, da müssen wir etwas gegen tun. Aber der weitgehend auf Deutschland beschränkte Ökomoralismus, den die Grünen predigen, der taugt nicht, um die globalen CO2-Emissionen zu senken, sondern der bedroht letztlich unsere Wirtschaft und unseren Wohlstand." Wenn das "grüne Programm" also "1:1 umgesetzt" würde, so könnte dies "gefährliche Folgen für den sozialen Frieden" haben.

Ab 18. Februar 2020 erhältlich:

Ansgar Graw
"Die Grünen an der Macht. Eine kritische Bilanz"
FBV Verlag 2020, 300 Seiten, 22,99 Euro
ISBN: 978-3-95972-271-1

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 10.01.2020 und in "Der Morgen" vom 13.01.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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