Warum die Jugendstrategie der Regierung scheitern wird

Warum die Jugendstrategie der Regierung scheitern wird

Ein Interview mit Jugendforscher Prof. Bernhard Heinzlmaier über das Verhältnis von Jugend und Politik in Deutschland

Thomas Shihabi. Onlinefassung: Rick Reitler   03.12.2019 | 12:50 Uhr

Der Wiener Jugendforscher Prof. Bernhard Heinzlmaier bezweifelt, dass die Strategie der deutschen Regierungsparteien funktionieren wird, Jugendliche für sich zu gewinnen, indem man ihnen mehr Teilhabe am politischen Geschehen einräumt. In den Parteien, ihren Themen und ihrem Personal sähen viele Jugendliche "keine Heimat und keine Repräsentanz" mehr.

Der Koalitionsvertrag von Union und SPD sieht vor, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln und umzusetzen, die die Interessen der Jugend stärker berücksichtigt und sichtbar macht. Am Vormittag des 3. Dezember hat das Bundeskabinett über diese Pläne beraten.

Der Wiener Jugendforscher Prof. Bernhard Heinzlmaier gibt sich im SR-Interview allerdings skeptisch, dass das Vorhaben der Spitzenpolitiker klappen wird: "Die Jugend war nie unpolitisch, sondern sie hat sich nur für die traditionelle Parteienpolitik nicht interessiert", sagte Heinzlmaier im Gespräch mit SR-Moderator Thomas Shihabi.

"Parteienverdrossenheit"

Statt Politikverdrossenheit habe er unter den Jugendlichen in Deutschland vielmehr eine "Parteienverdrossenheit" beobachtet. Diese rühre daher, dass die Parteien jene Themen, die die Jugend interessierten, nicht aufgriffen. "Das haben die Parteien leider noch immer nicht ganz verstanden", sagte Heinzlmaier. Diesen Sachverhalt könne man selbst "mit den besten Partizipationsangeboten nicht ungeschehen machen". Schwieriger noch: "Der Lebensstil der Menschen in der CDU und die werthaltigen Einstellungen dieser Menschen sind eigentlich nicht mehr kompatibel zu denen der Jugend."

Die jungen Leute hätten sich deswegen längst nach "anderen Repräsentanten" umgesehen - beispielsweise nach Leuten wie dem Youtuber Rezo. Der Mann mit der blauen Haartolle hatte speziell die Unionsparteien vor einigen Monaten mit seinem millionenfach angeklickten "CDU-Zerstörungsvideo" vor Probleme gestellt.

Keine Heimat, keine Repräsentanz

Um Vertrauen zurückzugewinnen oder zu generieren, genüge es auch nicht, junge Leute wie etwa den Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert oder junge Vertreterinnen oder Vertreter der Grünen vor die Mikrofone und Kameras zu schicken. Denn diese würden von Jugendlichen eher als Menschen wahrgenommen, "die das obere Gesellschaftsdrittel" repräsentierten. "Das große Problem sind die unteren zwei Drittel", gab Heinzlmaier zu bedenken, "und die sind in Gefahr, in Richtung Rechtspopulismus abzudriften, weil sie eben auch in den traditionellen Parteien keine Heimat und keine Repräsentanz mehr sehen."

Breite Krise des Parteiensystems

Mit diesen Ansichten stünden die Jugendlichen auch längst nicht mehr alleine da: "Es geht nicht nur um die Jugend, sondern die Krise des Parteiensystems ist eine viel breitere", sagte Heinzlmaier. "Es sind auch ältere Schichten dabei, sich abzuwenden und entweder überhaupt in die politische Resignation zu gehen oder nach rechts."


Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" vom 03.12.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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