Kommentar: "Ganz einfach ungeschickt"

"Ganz einfach ungeschickt"

Die Meinung von Landespolitik-Redakteur Janek Böffel

Janek Böffel   05.11.2019 | 08:20 Uhr

Französisch als Verkehrssprache: Das ist eines der Kernziele der Frankreichstrategie im Saarland. Doch jetzt stellt die neue Bildungsministerin des Saarlandes, Christine Streichert-Clivot (SPD), dieses Ziel zumindest ein wenig in Frage. Diese öffentlich geäußerten Zweifel sind ein Fehler, meint Landespolitik-Redakteur Janek Böffel. Ein Kommentar.

SR-Redakteur Janek Böffel  (Foto: SR/Pasquale D'Angiolillo)
SR-Redakteur Janek Böffel (Foto: SR/Pasquale D'Angiolillo)


Ja. Christine Streichert-Clivot hat Recht. Ganz einfach. Es sind Zweifel angebracht, ob die Sache mit der Zweisprachigkeit im Saarland tatsächlich erfolgreich sein wird. Ob die Frankreichstrategie in einem der entscheidenden Punkte, bei einem ihrer zentralen Ziele aufgehen wird. Denn so etwas braucht Geld und ausgebildete Lehrer.

Beides wächst im Saarland weder auf den Bäumen noch sonstwo. Da sind erhebliche Zweifel angebracht, ob genug Mittel zur Verfügung stehen, den Schülern mehr als Bongschur, sche ma pelle beizubringen. Denn darum geht es schließlich.

Bis 2043 soll Französisch hier Verkehrssprache werden. Da braucht es mehr als ein paar Brocken, was Wasser, Bier und Fremdenverkehrsamt heißt. Da braucht es Expertise. Und ja, Streichert-Clivot weiß auch, dass 2043 - so futuristisch es klingen mag - in Schüler-Generationen gerechnet gar nicht mehr so lange hin ist. Und dass die Konkurrenz des Englischen groß, fast übermächtig ist.

Kontroverse um Frankreichstrategie
Saar-Politiker zweifeln an Zweisprachigkeit
Die Aussagen der neuen Kultusministerin zur Frankreichstrategie sorgen im Land für Diskussionen. In einem Interview mit der Saarbrücker Zeitung hatte Christine Streichert-Clivot (SPD) bezweifelt, dass das Ziel der Zweisprachigkeit bis 2043 realistisch sei. Während Politiker mehrerer Parteien ebenfalls Skepsis äußern, erklärt sich Streichert-Clivot.


Und trotzdem. Wer Recht hat, muss es nicht immer aussprechen, vor allem nicht als Politikerin. Wirklich sagen kann im Moment niemand, wo wir in Sachen französisch in 24 Jahren stehen. Da mögen die Lücken im Fördersystem noch so offensichtlich sein. Aber die ganze Nummer mit Frankreichstrategie und Zweisprachigkeit ist auch ein ziemlicher Werbeeffekt für das Land. Wo sonst kein Hahn nach uns kräht, schaut selbst Brüssel bewundernd hierher.

Selbst in Paris weiß man zumindest ein bisschen um dieses kleine Bundesland. Wegen der Frankreichstrategie, nicht wegen der Sache mit dem Großen im Kleinen.

Natürlich: Im Wettbewerb der Regionen sind wir damit noch lange nicht vorne dabei. Aber bei allem Lokalpatriotismus: Viele andere Alleinstellungsmerkmale haben wir nunmal nicht. Wenn sich da nun die Bildungsministerin hinstellt und Zweifel schürt, ob eines der Kern-Ziele der Frankreichstrategie überhaupt zu erreichen ist, dann ist das ganz einfach ungeschickt.

Nach innen hin mahnen. Gerne. Politik machen, um die Ziele doch noch zu erreichen. Noch besser. Aber einen der wenigen Faktoren, mit denen das Saarland auf internationaler Bühne zumindest ein bisschen angeben kann, öffentlich in Frage zu stellen, das ist falsch.

Der andere Blickwinkel:

Dr. Philipp Krämer, Sprachwissenschaftler
"Es gibt ganz unterschiedliche Arten von Mehrsprachigkeit"
Die Aussagen der neuen saarländischen Kultusministerin zur Frankreichstrategie sorgen im Land für Diskussionen: In einem Interview mit der Saarbrücker Zeitung hatte Christine Streichert-Clivot (SPD) bezweifelt, dass das Ziel der Zweisprachigkeit bis 2043 realistisch umzusetzen sei. SR-Moderator Jochen Marmit hat bei Dr. Philipp Krämer nachgefragt, einem Sprachwissenschaftler am Lehrstuhl für Sprachgebrauch und Sprachvergleich an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Er sagt: "Es gibt ganz unterschiedliche Arten von Mehrsprachigkeit, die man erreichen kann"


Mehr zum Thema im Archiv:

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 05.11.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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