Warum in Thüringen Junge rechts und Alte links wählten

Warum Junge rechts und Alte links wählten

Ein Gespräch mit dem Soziologen Prof. Klaus Dörre, Universität Jena, über die Landtagswahl in Thüringen

Katrin Aue / Onlinefassung: Rick Reitler   29.10.2019 | 08:15 Uhr

Dass in Thüringen die Wählerkohorte der Über-60-Jährigen die Linkspartei zur stärksten Kraft gemacht hat, hat für den Jenaer Soziologen Prof. Klaus Dörre vor allem "taktische Gründe": Die SeniorInnen hätten auf jeden Fall AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke verhindern wollen. Aber auch für die Beliebtheit der AfD bei den unter 60-Jährigen sieht Dörre Ursachen.

Am Ende reichte es bei der Landtagswahl in Thürigenin mit "nur" 23,4 Prozent für Platz zwei - doch die "Alternative für Deutschland" (AfD) war bei den jüngeren und mittleren Jahrgängen klar die stärkste Kraft. Nur das Stimmgewicht der Seniorinnen und Senioren der Generation Ü60 hatte die Linkspartei noch zur Nummer eins gemacht.

Von Höcke abgeschreckt

Der Aufschwung der Linken bei den Älteren geschah höchst wahrscheinlich "aus taktischen Gründen", vermutet der Jenaer Soziologe Prof. Klaus Dörre im SR-Interview: Die Generation Ü60 habe zu DDR-Zeiten noch mehr über "Faschismus und Auschwitz" gelernt und sei von dem AfD-Spitzenkandidaten Björn Höcke deshalb wohl "gewaltig abgeschreckt", so seine Vermutung. Außerdem habe wahrscheinlich auch traditionell der "Amtsbonus" des amtierenden, linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow bei den Älteren eine Rolle gespielt.

Jüngere "ohnmächtig"

Auch für die Beliebtheit der AfD bei den jüngeren Kohorten hat Dörre Erklärungen: Es gebe in manchen Gegenden Thüringens zu wenig junge Frauen, "keine Infrastruktur" und ein zu geringes Lohnniveau. Die jüngere Generation wolle allerdings "jetzt ein besseres Leben" und empfinde sich angesichts der Zustände "oft ohnmächtig". "Da staut sich Aggressionspotenzial an und das macht sich gerade bei den jungen Leuten Luft", so Dörre.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 29.10.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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