70 Jahre China: Lieber Ordnung als Freiheit?

Der schmale Grad zwischen Ordnung und Freiheit

Ein Interview mit dem Wirtschaftsjournalisten, Sachbuchautor und China-Kenner Frank Sieren zur Umweltschutz- und Gesellschaftspolitik in China

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Laszlo Mura   01.10.2019 | 07:15 Uhr

Der Grad zwischen Ordnung und Freiheit ist sehr schmal in China. Wo Deutschland mittels CO2-Steuer grüner werden will, setzt die Regierung Chinas auf ein strenges Sozialkreditsystem, das die Bürger in ihrem sozialen Verhalten bewerten und maßregeln soll. SR-Moderator Jochen Erdmenger hat zum 70. Geburtstag der Volksrepublik am 1. Oktober 2019 mit dem Wirtschaftsjournalisten, Sachbuchautor und China-Kenner Frank Sieren über Erziehungsmaßnahmen im bevölkerungsreichsten Land der Welt gesprochen.

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"Die Menschen haben Verständnis dafür, dass sich der Staat durchsetzt." Nach der Beobachtung von Frank Sieren, Wirtschaftsjournalist, Sachbuchautor und China-Kenner, legen die meisten Chinesen andere Maßstäbe an das Thema Freiheit als die Mehrheit in den westlichen Gesellschaften. Wenn man sich im Reich der Mitte zwischen Ordnung und Freiheit zu entscheiden habe, neige die Gesellschaft in einem derart großen Land eher zur Ordnung. Das richtige Maß an Kontrolle müsse vom Staat natürlich eingehalten werden, gab Sieren im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger zu bedenken. Andernfalls könne die Stimmung kippen und das System so nicht funktionieren.

Umweltbewusstsein

Inzwischen sei auch das Thema Umweltschutz in China angekommen. Der "Unmut" in der Bevölkerung habe dazu geführt, "dass die Regierung etwas macht." Das Volk selbst habe Druck gemacht, damit "endlich etwas gegen die schlechte Luft" unternommen werde. Auch "Lebensmittelsicherheit" udn saubere Flüsse lägen den Menschen am Herzen. Drakonische staatliche Maßnahmen, um Verbesserungen durchzusetzen, kämen beim Volk natürlich nicht gut an: Die richtige Balance müsse hier gefunden werden.

Wer nicht sozial handelt wird bestraft

Wer sich in China nicht sozial verhalte, zum Beispiel bei der Mülltrennung, verliere "erst einmal sein Gesicht", erklärte Sieren. Außerdem laufe der Bürger im Einzelfall Gefahr, auf bestimmte Vorteile verzichten zu müssen. Das Belohnungs- und Betrafungssystem Pekings stecke zurzeit aber noch in seiner Entwicklung und werde noch ausgelotet. In Deutschland könne ein solches System deswegen wohl kaum funktionieren, weil hierzulande die Individualität mehr zähle als die Gemeinschaft.

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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 01.10.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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