Hohe Umfragewerte, tiefer Fall: Salvini ausgebootet

Salvini ausgebootet

Ein Interview mit Rom-Korrespondent Jörg Seisselberg nach der Absage an Neuwahlen durch Staatspräsident Sergio Mattarella

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   29.08.2019 | 07:25 Uhr

Italiens Präsident Sergio Mattarella hat sich entschieden: Es gibt keine Neuwahlen. Stattdessen schenkt er einem Bündnis zwischen den beiden linken, aber politisch verfeindeten Parteien Sozialdemokraten und Fünf Sterne-Bewegung sein Vertrauen, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Damit hat sich Lega-Nord-Chef Matteo Salvini verzockt, meint Rom-Korrespondent Jörg Seisselberg im SR-Interview.

"Salvini ist der große Verlierer der Regierungskrise, die er selbst gewollt hat." Mit diesen Worten bringt Italien-Korrespondent Jörg Seisselberg die Ergebnisse der Konsultationen des italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella auf den Punkt.

Koalition zweier Gegner

Das zuvor für nahezu unmöglich gehaltene Bündnis zwischen den verfeindeten linken Parteien Sozialdemokraten (PD) und Fünf-Sterne-Bewegung solle und wolle offenbar die Regierungsgeschäfte übernehmen, sagte Seisselberg im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger. Sehr wahrscheinlich werde der bisherige Ministerpräsident Giuseppe Conte erneut mit der Regierungsbildung beauftragt werden.

Zu hoch gepokert

Damit seien Neuwahlen vorerst vom Tisch - sehr zum Verdruss von Lega-Nord-Chef Matteo Salvini, der wegen seiner guten Umfragewerte Neuwahlen vor gut zwei Wochen erzwingen wollte, um selbst Ministerpräsident zu werden. Doch dieser Schachzug Salvinis habe sich nun als "großer politischer Fehler" herausgestellt, meint Seisselberg: Statt an der Spitze der Macht lande Salvini nun auf der Oppositionsbank.

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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 28.08.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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