"Hohe Anzahl unentschlossener Wähler"

"Hohe Anzahl unentschlossener Wähler"

Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Prof. Everhard Holtmann über den Stand der Dinge eine Woche vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg

Isabelle Tentrup. Onlinefassung: Rick Reitler   23.08.2019 | 12:40 Uhr

Der Politikwissenschaftler Prof. Everhard Holtmann blickt angesichts der aktuellen Infratest-dimap-Umfrage skeptisch auf die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg am 1. September: Valide Vorhersagen über den Ausgang der Wahlen seien problematisch, weil die Wechselbereitschaft der Wähler ausgeprägter sei als früher. Das AfD-Potenzial sieht er bei den aktuell gut 20 Prozent auf dem Zenit.

Eine gute Woche haben die Parteien noch Zeit, sich ihren Wählern in Sachsen und Brandenburg mit Personal und Programm zu präsentieren - dann darf der Souverän am 1. September mal wieder sein Kreuzchen auf dem Wahlzettel machen.

Valide Vorhersagen schwierig

Der Politikwissenschaftler Prof. Everhard Holtmann, Forschungsdirektor am Zentrum für Sozialforschung in Halle, blickt angesichts der aktuellen Infratest-dimap-Umfrage skeptisch auf den Wahlsonntag: Valide Vorhersagen über den Ausgang der Wahlen seien schwierig zu treffen.

Den Grund sieht Holtmann vor allem in der inzwischen "hohen Anzahl unentschlossener Wähler": "Die Volatilität, die Wechselbereitschaft, ist generell höher geworden", sagte Holtmann im Gespräch mt SR-Moderatorin Isabelle Tentrup, "damit aber auch die Neigung, sich möglicherweise erst ganz kurz vor der Wahl oder am Wahltag selbst zu entscheiden".

AfD-Potenzial bei gut 20 Prozent

Gemessen an den Zahlen der letzten Landtagswahlen und der aktuellen Umfragen in Ostdeutschland sieht Holtmann ein Ende des Aufschwungs der AfD nahen: "Im Grunde genommen deutet sich, wenn wir mal die letzten Jahre betrachten, tendenziell ab, dass die AfD möglicherweise den Zenit ihrer Wähleransprache - das heißt, ihr Wählerpotenzial - weitgehend ausgeschöpft hat."

Dieses Potenzial liege "über den Daumen gepeilt" irgendwo bei etwa 20 Prozent, "manchmal auch ein wenig mehr". Das verbindende Element der AfD-Wählerinnen und -Wähler sieht Holtmann in der "Proteststimmung", zugleich aber auch als "Spiegel einer grundsätzlichen Unzufriedenheit mit der Leistungsfähigkeit der so genannten etablierten Politik generell". Dies sei "eine gesamtdeutsche Herausforderung, der sich die etablierten Parteien, aber auch die demokratiebewussten Bürgerinnen und Bürger sicherlich stellen müssen".


Umfragewerte Infratest dimap, Stand 22.08.2019:

Sonntagsfrage Sachsen

Archivbild: Ein Blick in den Plenarsaal des sächsischen Landtags, Dresden (Foto: dpa / picture alliance / ZB / Sebastian Kahnert)
Archivbild: Ein Blick in den Plenarsaal des sächsischen Landtags, Dresden (Foto: dpa / Sebastian Kahnert)

CDU: 30 % (+ 4 Prozentpunkte im Vergleich zur Umfrage Anfang Juli 2019)
AfD: 24 % (-2 Prozentpunkte)
Linke: 16 % (+ 1 Prozentpunkt)
Bündnis 90/Die Grünen: 11 % (- 1 Prozentpunkt)
SPD: 7 % (- 2 Prozentpunkte)
FDP: 5 % (+- 0 Prozentpunkte)
Freie Wähler: 4 % (+ 1 Prozentpunkt)

Sonntagsfrage Brandenburg

Archivbild: Ein Blick in den Plenarsaal des brandenburgischen Landtags, Potsdam (Foto: dpa / picture alliance / Christoph Soeder)
Archivbild: Ein Blick in den Plenarsaal des brandenburgischen Landtags, Potsdam (Foto: dpa/Christoph Soeder)

SPD: 22 % (+ 4 Prozentpunkte im Vergleich zum BrandenburgTrend Anfang Juni 2019)
AfD 22 % (+ 1 Prozentpunkt)
CDU: 18 % (+ 1 Prozentpunkt)
Linke: 15 % (+ 1 Prozentpunkt)
Bündnis 90/Die Grünen: 12 % (- 5 Prozentpunkt)
FDP: 5 % (+- 0 Prozentpunkte)
BVB/Freie Wähler: 4 % (+- 0 Prozentpunkte)


Hintergrund:

mdr.de
Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg
Am 1. September werden in Sachsen und Brandenburg neue Landesparlamente gewählt. In beiden Ländern will die AfD stärkste Kraft werden. Sie könnte in Sachsen an der seit fast 30 Jahren dominierenden CDU und in Brandenburg an der SPD vorbeiziehen. In Sachsen sorgte im Vorfeld ein Streit um die AfD-Landesliste für Wirbel.


Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" vom 23.08.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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