Kommentar: Woher wir kommen, wohin wir gehen?

Woher wir kommen, wohin wir gehen?

Ein Kommentar von Michael Thieser zum letzten Arbeitstag von Meinrad Maria Grewenig als Chef des Weltkulturerbes Völklinger Hütte

Michael Thieser   28.06.2019 | 07:45 Uhr

Der 28. Juni 2019 ist der letzte Tag von Meinrad Maria Grewenig als Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte. Kultusminister Ulrich Commerçon hatte seinen Antrag auf Vertragsverlängerung über die Ruhestandsgrenze hinaus nicht angenommen. Nun ist in erster Linie die Politik gefordert, meint SR-Landespolitikchef Michael Thieser.

Der Abschied von Meinrad Maria Grewenig als Chef des Weltkulturerbes Völklinger Hütte kommt nicht überraschend. Der Vertrag mit dem Kulturmanager läuft aus, Grewenig hat die Ruhestandsgrenze erreicht und Meinungsverschiedenheiten, überzogenere Forderungen und die wachsende Kritik an dem vermeintlich immer gleichen Ausstellungskonzept haben dazu geführt, dass eine Ära zu Ende geht.

Das Gesicht der Alten Völklinger Hütte

Das Saarland hat Meinrad Maria Grewenig zweifellos viel zu verdanken. Mit seinen karierten Anzügen, seiner herausragenden kommunikativen Kompetenz und seinem unbändigen Willen, dem Thema Industriekultur seinen Stempel aufzudrücken, war er das Gesicht der Alten Völklinger Hütte, weit über das Saarland hinaus.

Stimmen SR 2, Michael Thieser (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Michael Thieser

Grewenig hat in 20 Jahren einen touristischen Leuchtturm aus der Hütte gemacht und seine Startbedingungen waren alles andere als einfach. Die Hütte war Ende der Neunziger Jahre zum Skandalobjekt geworden, es gab einen Untersuchungsausschuss im Landtag nach diversen Finanz-Affären und dass die Alte Hütte jemals vollständig zugänglich sein würde, hätte damals niemand geglaubt. Heute hingegen strahlt der Koloss weltweit als Industriedenkmal für eine ganze Epoche. Und wer zwischen den Förderbändern und Hochhöfen durchläuft, kann sich der Faszination dieses Ortes nicht entziehen. Über vier Millionen Besucher fanden in den vergangenen 20 Jahren den Weg nach Völklingen. Das Denkmal befindet sich derzeit in einem sanierten Zustand, der 65-jährige hat aus der Alten Völklinger Hütte einen wirklichen Champion in der Riege der Weltkulturerbe-Stätten gemacht.

Der Erfolg gab ihm immer recht

Dass es auch Konflikte mit der Politik gab, gehörte für ihn dazu. Sie waren sozusagen systemimmanent. Seine Kritiker haben ihn immer wenig beeindruckt. Zuviel Pharaonengold und großformatige Fotos der Queen; Grewenig hat die großen Ausstellungen dazu benutzt, die Massen nach Völklingen zu locken, um ihnen dann den eigentlichen Schatz, die größte zusammenhängende Hochofenanlage der Welt, zu präsentieren. Dazu die Urban-Art-Biennale und das Festival für elektronische Musik. Der Erfolg gibt und gab ihm immer recht.

Ein neues Kapitel?

Der Wechsel an der Spitze des Weltkulturerbes bietet nun die Möglichkeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Welche Rolle soll Völklingen zwischen den großen Metropolen und im näheren Umkreis, zwischen Paris, Köln, Frankfurt und Stuttgart spielen?

Die Völklinger Hütte steht für harte Arbeit, für Lärm, Schmutz und den Beginn der Industrialisierung. Sie ist Erinnerungsort und ein Ort der Reflexion zugleich; darüber - wie es mit der Arbeitsgesellschaft und dem Planeten insgesamt weitergehen soll. Die Völklinger Hütte steht für die Eingriffe des Menschen in die Natur und sie steht zugleich für den kulturellen Wandel, der notwendig ist, wenn die Menschheit überleben will. Es sind solche Themen, mit denen sich der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Meinrad Maria Grewenig befassen muss. Und man kann nur hoffen, dass dies auch die politisch Verantwortlichen auf dem Schirm haben.

Nachfolge-Kriterien unklar

Kultusminister Ulrich Commercon gibt sich da momentan ziemlich rat- und sprachlos. Bis Anfang des nächsten Jahres soll eine Entscheidung fallen, aber offenbar weiß noch niemand, nach welchen Kriterien gesucht und welches Anforderungsprofil der oder die Neue erfüllen sollen.

Zusammengefasst: das neue Helmholtz-Zentrum an der Universität wird in einigen Jahren möglicherweise für den Aufbruch in eine neue Zeit stehen; Völklingen hingegen ist und bleibt der Ort, der wie kein anderer die Geschichte und die Identität des Saarlandes verkörpert. Die Alte Hütte und die Bergehalden drumherum sind das Fundament, auf dem die Saarländer stehen. Meinrad Maria Grewenig vermochte, wenn es sein musste, dies mit all seiner Leidenschaft in einem einzigen Satz auszudrücken. Das Weltkulturerbe war für ihn der spannendste Ort der Welt.

Politik ist gefordert

Der oder die Nachfolgerin tritt insofern nicht nur kommunikativ in große Fußstapfen. Zunächst ist nun die Politik gefordert. Sie muss endlich erklären, wie sie sich die Zukunft vorstellt. Nichts wäre schlimmer, als wenn die Alte Völklinger Hütte irgendwann wieder dem Rost anheimfällt und vor sich hin rottet. Die Berliner taz titelte zum Abschied von Angela Merkel vom CDU-Parteivorsitz: "… wir werden sie noch vermissen". Ob dieser Satz auch für Meinrad Maria Grewenig gilt? Auszuschließen ist es nicht!

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Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Der Nachmittag" vom 26.06.2019 auf SR 2 KulturRadio berichtet.