Der Kommentar: "Frankreich, Paris und seine Bewohner werden auch diese Katastrophe überstehen"

Sois forte, PARIS !

Ein Kommentar von SR-Landespolitikchef Michael Thieser zur Brandkatastrophe von Notre Dame

Audio & Text: Michael Thieser. Foto: Pasquale D'Angiolillo   16.04.2019 | 12:40 Uhr

"Die Baustelle und die rußgeschwärzte Fassade von Notre Dame werden bis auf weiteres wie eine Ruine und wie ein Mahnmal an der Seine stehen, aber sich schon sehr bald auch wieder als ein neues Symbol für den Selbstbehauptungswillen der Franzosen präsentieren", meint SR-Landespolitikchef Michael Thieser in seinem Kommentar.

Es ist kurz vor Ostern, Christen und Katholiken bereiten sich auf den Karfreitag bevor und einer der wichtigsten europäischen Kirchenbauten steht in Flammen.

Millionen Menschen sitzen gestern Abend weltweit vor dem Fernseher, sind fassungslos angesichts der Bilder, die aus der französischen Hauptstadt gesendet werden und am Morgen danach hängt im zerstörten Kirchenschiff das goldene Kreuz über dem Altar, von der löchrigen Decke herab. Welch ein Symbol!

Mitten ins Herz von Paris

Das Großfeuer von Notre Dame hat die französische Hauptstadt mitten ins Herz getroffen, doch auch dieses Mal wird bereits 24 Stunden später deutlich. Frankreich, Paris und seine Bewohner werden auch diese Katastrophe überstehen.

Keine andere Metropole in Europa hat in den letzten Jahren solche Schicksalsschläge erlebt: die Attentate auf Charlie Hebdo, auf das Bataclan, der brutale Überfall auf einen jüdischen Supermarkt, Razzien und Festnahmen und auf der anderen Seite der soziale Protest und die gewaltsame Verwüstung eines anderen Symbols der französischen Geschichte vor einigen Wochen - des Arc de Triomphe mitten im Zentrum der Stadt.

Was ist los mit Frankreich?

Alle diese Ereignisse sind unabhängig voneinander zu sehen. Und trotzdem stellt sich die Frage, was ist los mit diesem Land? Warum trifft es die Franzosen, unsere Nachbarn, so besonders hart? Warum sind in der Auseinandersetzung über den richtigen Weg in der Globalisierung in keiner anderen europäischen Stadt in den letzten Jahren so viele Menschen gestorben wie in Paris?

Wer an den Ufern der Seine entlang läuft, wer die Cafés besucht und vor allem das historische Paris auf sich wirken lässt, spürt sehr schnell, dass es nur wenige andere Städte gibt, in denen die wechselvolle Geschichte des Kontinents und vor allem das moderne Europa so präsent sind. Von den Glaubenskriegen im Mittelalter, der Vertreibung der Hugenotten, über die Aufklärung im 18. Jahrhundert bis hin zum Schicksal der französischen Juden im Zweiten Weltkrieg, das alles ist in unmittelbarer Nähe von Notre Dame zu besichtigen und Treffpunkt für Millionen Touristen und Besucher jedes Jahr, unabhängig von Religion, Kultur und Hautfarbe.

Ein Stich in das europäische Herz

Die Zerstörung von Notre Dame bedeutet insofern auch ein Stich in das europäische Herz.

Am Ende mag ein banaler technischer Fehler die Ursache für das Feuer gewesen sein. Aber wie immer nach solchen Katastrophen gibt es auch Menschen, die nach dem tieferen Sinn fragen und nach den Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind.

Voller Entschlossenheit

Frankreich befindet sich in einer Metamorphose, das politische System steht gewaltig unter Druck, der Präsident kämpft um sein Überleben und seinen Rückhalt bei den Franzosen und das Land ist - wie  viele andere Staaten in Europa - verunsichert, welchen Kurs es langfristig einschlagen soll. Zugleich jedoch ist Frankreich immer wieder auch ein Vorbild; und zwar für seine Entschlossenheit, das eigene Schicksal zu meistern.

Die Baustelle und die rußgeschwärzte Fassade von Notre Dame werden bis auf weiteres wie eine Ruine und wie ein Mahnmal an der Seine stehen, aber sich schon sehr bald auch wieder als ein neues Symbol für den Selbstbehauptungswillen der Franzosen präsentieren.

Paris ist nicht nur die Stadt der Liebe, der Träumer, der Mode und der sozialen Gegensätze, sondern Paris ist und bleibt maßgebend für die kulturelle Identität und die weitere Entwicklung in ganz Europa. Die Stadt hat in den letzten Jahren einiges durchgemacht und dabei nie ihre Zuversicht und ihre Leichtigkeit verloren.

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Ein Thema aus der Sendung "Bilanz am Mittag" am 16.04.2019 auf SR 2 KulturRadio und in der "Region am Mittag" auf SR 3 Saarlandwelle.

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