Kommentar: "Derzeit ist die Sache hoffnungslos verfahren"

"Derzeit ist die Sache hoffnungslos verfahren"

Ein Kommentar von SR-Reporter Thomas Gerber über die Situation bei der Berufsfeuerwehr Saarbrücken

Audio & Text: Thomas Gerber. Foto: SR Fernsehen   15.04.2019 | 08:15 Uhr

Alle arbeitsunfähig geschriebenen Berufsfeuerwehrleute der Stadt Saarbrücken müssen sich bis zum Dienstag Mittag ein amtsärztliches Attest beschaffen, um den Verdacht der "Vorspiegelung falscher Tatsachen" auszuräumen. SR-Reporter Thomas Gerber zweifelt in seinem Kommentar daran, dass Schun die volle Verantwortung dafür tragen sollte: "Ein Bock stößt selten allein."

Es ist ein bundesweit einmaliger Vorgang. Verbeamtete Feuerwehrleute melden sich massenweise krank, werfen ihrem Chef öffentlich einen rigiden und menschenverachtenden Führungsstil vor. Allein die drohende Rückkehr Schuns mache sie arbeitsunfähig.

Der Konflikt nimmt nun ab heute 9 Uhr skurrile Züge an: Im Gesundheitsamt des Regionalverbands kommt es zu einer Art Reihenuntersuchung der gut 90 Beamten, die von ihren Hausärzten krank geschrieben wurden. Das OVG hegt nämlich den Verdacht, dass die 90 unter Vorspiegelung falscher Tatsachen krank geschrieben wurden - sprich: Dass sie blau machen und Simulanten sind, ihren Arbeitgeber betrügen. Die Frist der Richter, wonach die Massenanamnese und -diagnose bis morgen Mittag 12 Uhr durchzuführen ist, ist mehr als sportlich. Und überhaupt, so manch ein Argument der Saarlouiser Verwaltungsrichter vermag nicht so recht zu überzeugen.

Ganze 36 der 183 Beschäftigten hätten eidesstattliche Versicherungen gegen Schun unterschrieben - im Verfahren zur unverzüglichen Rückkehr Schuns zur Feuerwehr werteten die Verwaltungsrichter dies als quantité négligeable. Lediglich 18 Prozent der Beschäftigten seien somit gegen Schun. Mit einem einfachen Dreisatz das Betriebsklima zu beurteilen, ohne die Betroffenen zu hören, für mich ist es nicht nachvollziehbar.

"Es muss schon weit gekommen sein"

Denn sich als Beamter an Eides statt gegen seinen Chef auszusprechen, da muss es schon weit gekommen sein. Am Ende erwies sich der Dreisatz denn auch als falsch. Gut die Hälfte - nicht 18 Prozent der 183 - warfen hin.

Wieso es bei der Berufswehr so weit kommen konnte - das ist von außen kaum bis gar nicht zu klären. Sicherlich sind Schuns Führungsqualitäten zumindest umstritten - aber ein Bock stößt selten allein. Schun hatte mit Missständen etwa im Werkstattbereich aufgeräumt, gut möglich, dass einige da jetzt ihr Rachesüppchen kochen. Zugleich war der zuständige Sicherheitsdezernent Harald Schindel mit dem Krisenmanagement hoffnungslos überfordert. Danach aber wurde nahezu alles getan, um den Streit zu schlichten. Mediatoren, Psychologen und Beiräte wurden eingeschaltet - zwecklos. Warum Schun derart auf seine Rückkehr beharrt?

Sicherlich: Man hat ihn auch demontiert. Da gebührt ihm ein Stück weit öffentliche Wiedergutmachung - insbesondere, was den verheerenden Brand mit vier Toten in der Saaruferstraße betrifft. Da blieb am Ende lediglich, dass er keine gelbe Einsatzleiterweste getragen haben soll.

Derzeit aber demontiert sich Schun teilweise selbst. Dass er wieder Chef einer Belegschaft ist, die zur Hälfte angesichts seiner Person mutmaßlich krank wird, das ist schlechterdings nicht mehr vorstellbar.

"Hoffnungslos verfahren"

Man würde sich ein salomonisches Urteil und keines vom grünen Tisch wünschen; eines, das allen irgendwie gerecht wird: der Sicherheit der Saarbrücker, den Beschäftigten und auch Josef Schun. Derzeit aber ist die Sache hoffnungslos verfahren. Dass gestandene Feuerwehrleute in Tränen ausbrechen, wenn die Rede auf ihren Chef kommt, hab ich jedenfalls noch nie erlebt.

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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 15.04.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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