"Es ist eine Frage der Gerechtigkeit"

"Es ist eine Frage der Gerechtigkeit"

Ein Interview mit dem Medizinethiker Giovanni Maio, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Freiburg

Audio: Jochen Erdmenger. Foto: dpa/Tobias Kleinschmidt. Onlinefassung: Rick Reitler   09.04.2019 | 16:30 Uhr

Zum Preis von 130 Euro können werdende Eltern einen Bluttest machen lassen, um zu erfahren, ob ihr ungeborenes Kind mit Trisomie 21 zur Welt kommen wird. Für den Medizinethiker Giovanni Maio ist die augenblickliche Regelung, nach der die Krankenkassen den Test nicht zahlen müssen, alles andere als optimal.

Schon seit einigen Jahren können Frauen in Deutschland mit einem Bluttest während der Schwangerschaft feststellen, ob bei ihrem ungeborenen Kind Trisomie 21 vorliegt - also das sogenannte Down-Syndrom. Die Kosten von 130 Euro müssen die Eltern in der Regel selbst tragen.

"Als Ausnahmezustand anwenden"

Im Bundestag aber wird am 11. April diskutiert, ob gesetzliche Krankenkassen den Bluttest bezahlen müssen - zumindest bei "Risiko-Schwangerschaften".

Für den Medizinethiker Giovanni Maio vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Freiburg ist die augenblickliche Regelung jedenfalls unbefriedigend: Ärmere Frauen würden derzeit zur für sie zwar kostenfreien, aber gefährlicheren Alternative der Fruchtwasseruntersuchung verleitet, sagte Maio im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger.

Maio plädierte dafür, den Bluttest zwar nicht routinemäßig, aber als "Ausnahmezustand" anzuwenden. Das sei "eine Frage der Gerechtigkeit". Statt in Verbote solle die Politik lieber in Beratung investieren, forderte Maio - und zwar nicht nur vor der Geburt, sondern auch danach.

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