Kommentar: Ein Jahr Tobias Hans

Mehr Mut!

Der saarländische Ministerpräsident ist am 1. März 2019 genau ein Jahr im Amt. Ein Kommentar von SR-Landespolitikchef Michael Thieser.

Text & Audio: Michael Thieser. Fotos: Pasquale D'Angiolillo, SR Fernsehen   22.02.2018 | 12:10 Uhr

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) ist seit dem 1. März 2018 im Amt. Summa summarum sei Hans "ein guter Moderator" gewesen - "auf Dauer aber dürfte dies kaum ausreichen", meint SR-Landespolitikchef Michael Thieser in seinem Kommentar. Er wünscht Hans generell "mehr Mut".

Für viele Saarländer ist er noch immer ein unbeschriebenes Blatt. Dies zumindest ergeben Umfragen auf die Straße. Andere wiederum, die Tobias Hans bereits persönlich kennen gelernt haben, bescheinigen ihm, umgänglich, authentisch, interessiert, offenherzig oder anders ausgedrückt; ein Sympathieträger zu sein.

Ein Sprichwort sagt, Menschen wachsen an ihren Aufgaben. Und Tobias Hans hat das erste Jahr für sich genutzt, sich die Rolle des Ministerpräsidenten so auszufüllen, wie er es für richtig hält. Die Fußstapfen, in der neue Regierungschef getreten ist, sind und bleiben groß. Annegret Kramp-Karrenbauer, seine Vorgängerin, hat sich mit einem Traum-Wahlergebnis bei der letzten Landtagswahl verabschiedet, Tobias Hans hingegen hat noch nie eine wirkliche Wahl gewonnen. Der Lackmustest für ihn dürften deshalb die Kommunalwahl im kommenden Mai und anschließend die nächste Landtagswahl im Saarland werden.

Weniger brachial

Der 41-jährige steht ansonsten für einen neuen Politikertypus, der weniger brachial daher kommt, sondern eher mit leisen Tönen. Angesichts von Verschwörungstheorien im rechten Lager, Fake-News und den nicht enden wollenden Hassbotschaften im Internet möglicherweise der richtige Weg, um einen Kontrapunkt zu setzen und überhaupt noch mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. Dies ändert allerdings jedoch nichts daran, dass am Ende der Rückhalt und das Ergebnis an der Wahlurne darüber entscheiden, ob er eines Tages ein erfolgreicher Ministerpräsident sein wird, der den Vergleich mit seinen Vorgängern nicht zu scheuen braucht.

Bereits jetzt ein solches Urteil zu fällen, ist viel zu früh. Stattdessen sieht es aktuell so aus, dass der Regierungsalltag mehr oder weniger geräuschlos verläuft. Trotz der personellen Veränderungen hat es Tobias Hans geschafft, die große Koalition im Saarland bei Laune zu halten; führende Sozialdemokraten betonen sogar, das Klima sei besser geworden im Vergleich zur Zusammenarbeit mit der früheren Ministerpräsidentin und heutigen CDU-Bundesvorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer.

CDU und SPD konzentrieren sich auf die Sacharbeit, die finanzielle Entlastung der Kommunen, sprich der "Saarland-Pakt" wurde auf den Weg gebracht; im Bereich der Informatik und in der digitalen Welt will man weiter international mitspielen.

Auf der anderen Seite gibt es viele Baustellen, die Sorge bereiten. Dabei geht es nicht nur um die Zukunft des Saarsports und die Aufarbeitung des LSVS-Skandals, sondern dies betrifft in erster Linie den bevorstehenden dramatischen Wandel in der Automobilindustrie und die Verkehrsanbindung des Saarlandes. Hier gibt es ad hoc und in den kommenden Jahren viel zu tun, wenn das Saarland den Anschluss nicht verlieren will.

Sich mit niemandem anlegen

Stimmen SR 2, Michael Thieser (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
SR-Landespolitikchef Michael Thieser

Tobias Hans, der von zuhause aus und in seinem beruflichen Werdegang nichts anders kennt als die Politik, würde man an dieser Stelle mehr Mut wünschen. Er war bis jetzt ein guter Moderator, der in seinem ersten Amtsjahr vor allem versucht hat, sich möglichst mit niemandem ernsthaft anzulegen. Auf die Dauer aber reicht dies nicht aus. Für Europa und für die deutsch-französische Zusammenarbeit zu sein, ist im Saarland Konsens; wenn es jedoch um grundlegende Fragen, wie die Bewältigung des Klimawandels oder um das Auseinanderklaffen von Arm und Reich geht, gibt sich der Neue bis jetzt seltsam sprachlos.

Hier könnten ein paar mehr Ecken und Kanten, mal ein neuer Gedanke oder eine wegweisende Forderung dem jüngsten Ministerpräsidenten der Republik durchaus helfen, auch über das Saarland hinaus weiter an Profil zu gewinnen.

Als 41-jähriger und als Vertreter der jüngeren Generation hat Tobias Hans jedenfalls jedes Recht dazu, auch einmal non-konform zu sein. Und wer sich zurück erinnert: Oskar Lafontaine, Peter Müller und Annegret Kramp-Karrenbauer, sie alle haben es genauso gehandhabt.

Ein Kommentar von SR-Landespolitikchef Michael Thieser.


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Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 22.02.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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