Über München, Machtinteressen und Mittelstreckenraketen

Über München, Machtinteressen und Mittelstreckenraketen

Ein Interview mit dem Politologen und Sicherheitsexperten Prof. Horst Teltschik über die 55. Münchener Sicherheitskonferenz

Audio: Jochen Erdmenger, Foto: dpa/Sven Hoppe, Onlinefassung: Rick Reitler   15.02.2019 | 07:45 Uhr

Der Sicherheitsexperte Prof. Horst Teltschik hat "einen völlig neuen Ansatz in der Abrüstungs- und Rüstungskontrollpolitik" gefordert. Längst gehe es den USA, Russland und China nicht mehr um Mittelstreckenraketen, sondern um die Militarisierung des Weltraums. Der EU empfahl er, sicherheitspolitisch und militärisch an einem Strang zu ziehen.

Seit Jahrzehnten treffen sich Politiker, Militärs und Wirtschaftsvertreter jedes Jahr auf der Münchener Sicherheitskonferenz, um über internationale Krisen und Kriege zu beraten.

Krisen und Konflikte

Der Politologe und ehemalige SiKo-Konferenzleiter Prof. Horst Teltschik betont im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger die Chancen des Treffens in Zeiten wachsender Spannungen - man denke nur an das bevorstehende Ende des amerikanisch-russischen INF-Vertrages, den Streit über die Verteidigungskosten der NATO oder den Handelsstreit zwischen China und den USA.

Auch EU soll umdenken

Abrüstungsexperte Oliver Meier
"Die Lage ist schon sehr angespannt"
Der Abrüstungsexperte Dr. Oliver Meier hat im SR-Interview angesichts der augenblicklichen "Pattsituation" beim Misstrauen zwischen den USA und Russland die Rückkehr zur Diplomatie gefordert.

Teltschik forderte international "einen völlig neuen Ansatz in der Abrüstungs- und Rüstungskontrollpolitik". Längst gehe es bei den ganz großen Mächten USA, Russland und China militärisch nicht mehr nur um nukleare Mittelstreckenraketen, sondern um die Militarisierung des Weltraums.

Der EU empfahl er, sicherheitspolitisch und militärisch an einem Strang zu ziehen. "Die Europäische Union ist, wenn sie so wollen, auch kurz vor einer Krise", gab Teltschik zu bedenken. Immerhin sei die Nuklearmacht Großbritannien, ein Staat mit Sitz im UN-Sicherheitsrat, demnächst nicht mehr Teil der EU. "Wir wissen längst, dass die einzelnen Nationalstaaten - nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch Frankreich und andere - mit den Konfliktherden dieser Welt alleine nicht mehr zurechtkommen. Denken Sie an Afrika, an die Fluchtbewegungen, denken Sie an den Nahen und Mittleren Osten", sagte Teltschik. Die Europäer hätten längst begreifen müssen, "dass sie nur zusammen ihre Sicherheit garantieren können".

Hintergrund

Auf der 55. Münchner Sicherheitskonferenz treffen sich vom 15. bis zum 17. Februar 2019 dutzende Außen- und Verteidigungsminister, Staats- und Regierungschefs, Wirtschaftsvertreter und weitere Gäste, um u. a. über aktuelle Konflikte, Kriege und Krisenherde zu sprechen. Das traditionsreiche Treffen findet jedes Jahr im Februar in der bayerischen Landeshauptstadt statt. Tausende Polizeibeamte sorgen für die Sicherheit der Konferenzteilnehmer.


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Audio [SR 2, Yvonne Schleinhege / Nina Barth, 15.02.2019, Länge: 05:20 Min.]
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Vor dem Beginn der 55. Münchner Sicherheitskonferenz hat der Vorsitzende der Konferenz, Wolfgang Ischinger, den Sicherheitsreport vorgestellt. Daraus geht hervor, dass es weltweit derzeit zehn große Krisen gibt. Dazu gehört neben den Brandherden Syrien, Jemen und Afghanistan auch der Handelsstreit mit den USA. Für Hauptstadt-Korrespondentin Nina Barth wird es im Bayerischen Hof aber vor allem darum gehen, dass Europa um eine engere verteidungspolitische Zusammenarbeit nicht herumkommen wird. Mit Verträgen sei allerdings vorerst nicht zu rechnen, so Barth im Gespräch mit SR-Moderatorin Yvonne Schleinhege.


Hintergrund:

tagesschau.de: Sicherheitspolitik
Europa unter Zugzwang
Vor Beginn der Münchener Sicherheitskonferenz gibt es Versuche, den INF-Vertrag zu retten oder Alternativen zu finden. Dabei wird eines deutlich: Europa muss sich global engagieren.

Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 15.02.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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