Woher rührt die EU-Skepsis der Briten?

Woher rührt die EU-Skepsis der Briten?

Ein Interview mit dem Politikwissenschaftler und Großbritannien-Experten Prof. Roland Sturm, Universität Erlangen-Nürnberg

Audio: Stephan Deppen, Pressefoto: Harald Sippel, Onlinefassung: Rick Reitler   30.01.2019 | 12:45 Uhr

Der Politikwissenschaftler Prof. Roland Sturm sieht vorerst keinen Ausweg aus der festgefahrenen Brexit-Situation. Hintergrund der für viele andere Europäer unverständlichen EU-Skepsis der Briten sei deren historisch gewachsenes Selbstverständnis als Weltkriegsgewinner und Beherrscher eines englischsprachigen Weltreiches, so Sturm im SR-Interview.

Der Politikwissenschaftler und Großbritannien-Experte Prof. Roland Sturm sieht vorerst keinen Weg, den Gordischen Knoten zwischen britischer Regierung, britischen Parlamentariern und der EU zu zerschlagen. Insbesondere die Backstop-Regelung im bereits ausgehandelten "Brexit-Deal" sorge in London für Verwirrung, Verdruss und sogar gewisse Verschwörungsfantasien: Manch ein Brite glaube der Vermutung der Brexit-Befürworter, dass die aktuelle Backstop-Regelung in Mays Brexit-Deal-Papier dazu führen werde, dass Großbritannien doch für immer und ewig an die EU gefesselt sein werde. Zudem laufe den Briten allmählich die Zeit davon, sagte Sturm im Gespräch mit SR-Moderator Stephan Deppen.

Typisch britisches Selbstverständnis

Die festgefahrene Situation geht nach Einschätzung Sturms auch auf eine typisch britische Weltsicht zurück, die im Rest Europas häufig unterschätzt bzw. übersehen werde: Viele Briten, so Sturm, verstünden sich noch immer in der Rolle der Weltkriegsgewinner und wähnten sich als Beherrscher eines englischsprachigen Weltreiches. "Das ist alles nicht realistisch, aber es wird halt ganz heftig geglaubt", gab Sturm zu bedenken. Überhaupt seien die Briten der EU im Jahr 1975 ausschließlich aus okönomischern Gründen beigetreten: Anders als manch andere EU-Staaten habe Großbritannien nie mehr als einen "großen Binnenmarkt" haben wollen.

Hintergrund

Das britische Unterhaus beharrt auf einem neuen Brexit-Deal zwischen Großbritannien und den übrigen 27 EU-Staaten. Am Abend des 29. Januar stimmten die Abgeordneten im House of Commons für entsprechende Nachverhandlungen zum bereits ausgehandelten Austrittsvertrag. Darin soll vor allem die bisherige "Backstop"-Lösung für Nordirland gestrichen werden. Bislang lehnen die "EU27" jegliche Nachverhandlungen aber strikt ab. Premierministerin Theresa May will die Zeit bis zum 13. Februar nun nutzen, um womöglich doch noch Zugeständnisse in Brüssel zu erreichen.


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