"Theresa May ist fertig, aus, Ende der Geschichte"

"Theresa May ist fertig, aus, Ende der Geschichte"

Ein Interview mit dem Politologen und Historiker Prof. Anthony Glees, University of Buckingham

Audio: Kai Schmieding, Foto: dpa/PA Wire/House of Commons, Onlinefassung: Rick Reitler   16.01.2019 | 08:45 Uhr

Für den Historiker Prof. Anthony Glees war das sehr deutliche Nein zu Theresa Mays Brexit-Deal kein Wunder, denn Mays Kompromisspapier habe letztlich "keinen gefreut". Er gehe davon aus, dass May bald freiwillig zurücktreten werde, auch wenn sie das Misstrauensvotum am Abend des 16. Januar wohl noch überstehen werde.

Für den britischen Politologen und Historiker Prof. Anthony Glees hat Premierministerin Theresa May nach dem klaren Nein des Unterhauses zu ihrem EU-Brexit-Deal ihre Glaubwürdigkeit völlig eingebüßt. Er nehme deshalb an, dass May bald freiwillig zurücktreten werde, selbst wenn sie das Misstrauensvotum am Abend des 16. Januar sehr wahrscheinlich noch überstehen werde. "Theresa May ist fertig, aus, Ende der Geschichte", so Glees im Gespräch mit SR-Moderator Kai Schmieding.

"Hat mich nicht überrascht"

Das mit einer Zweidrittel-Mehrheit sehr deutliche Nein zu Mays Brexit-Deal sei für ihn kein Wunder: "Das hat mich nicht überrascht", sagte Glees, denn Mays Kompromisspapier habe letztlich niemanden gefreut: "Ihre große Politik vereinte die Leute, die überhaupt keinen Brexit haben wollen mit denen, die einen harten Brexit haben wollen."

Großbritannien "in tiefer Depression"

Trotzdem befänden sich angesichts des Chaos und der andauernden Ungewissheit nun "mindestens die Hälfte der Bevölkerung" auf der Insel "in tiefer Depression", darunter auch Leute, die für den Brexit gestimmt hätten. "Jeder Mensch will meinen, dass politisch, wirtschaftlich es eine Zukunft gibt. Zurzeit gibt es gar keine Zukunft in Großbritannien", sagte Glees.

Britisches Weltreich längst Geschichte

Die Menschen in seinem Heimatland Großbritannien müssten nun endlich einsehen, dass die Zeiten an der Spitze eines Weltreichs vorbei seien und die EU von den britischen Extra-Regelungen langsam "die Nase voll" habe. "Wir müssen mit der EU27 vernünftig zusammen leben, wir können euch nicht mehr befehlen mit Sonderwünschen", so Glees.

(Foto oben: 15.01.2019, Großbritannien, London: Premierministerin Theresa May spricht zum Abschluss der Debatte vor einer Abstimmung über ihre Brexit-Vereinbarung im britischen Unterhaus)


Die andere Meinung

Politikwissenschaftler Marius Guderjan, Centre for British Studies, Humboldt Universität, Berlin
"Es bleibt spannend"
Der Berliner Politologe Marius Guderjan geht davon aus, dass das Misstrauensvotum im britischen Parlament am Abend des 16. Januar zu Gunsten von Theresa May ausgehen wird. Als wahrscheinlichstes Szenario sei dann mit einer Fristverlängerung für den Austritt aus der EU zu rechnen, so Guderjan im SR-Interview.


Hintergrund:

Historische Niederlage für Theresa May
Audio [SR 2, Kai Schmieding / Andreas Meyer-Feist, 16.01.2019, Länge: 03:52 Min.]
Historische Niederlage für Theresa May
Das britische Unterhaus hat das Brexit-Vertragswerk von Premierministerin Theresa May mit einer überraschend klaren Zweidrittel-Mehrheit abgelehnt. Die oppositionelle Labour-Partei beantragte für den 16. Januar eine Misstrauensabstimmung über May. In der EU changiert das Reaktionen-Spektrum der Spitzenpolitiker zwischen Ratlosigkeit und Wut. Andreas Meyer-Feist hat einige Stimmen eingefangen.


Hintergrund

Politik & Wirtschaft
Britisches Parlament lehnt Brexit-Abkommen ab
Das britische Unterhaus sagt No: Eine Zweidrittel-Mehrheit der Abgeordneten hat am 15. Januar gegen den Brexit-Deal von Premierministerin Theresa May mit der Europäischen Union gestimmt.

tagesschau.de
Schmerzen, Wut - und Ratlosigkeit
Der Paukenschlag aus London löst in der EU Schmerzen aus - aber auch Wut. Jetzt spielen Kommission und Parlament die Szenarien durch. Die Vorbereitungen für einen harten Brexit laufen.

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 16.01.2019 auf SR 2 KulturRadio.

Artikel mit anderen teilen