"40 Jahre ökonomisches Durchwursteln" entlädt sich in Gewalt

"40 Jahre ökonomisches Durchwursteln" entlädt sich in Gewalt

Ein Gespräch mit Prof. Hans Stark vom Studienkomitee für deutsch-französische Beziehungen in Paris über die Reformbemühungen Macrons und den Widerstand der "Gilets jaunes" in Frankreich

Audio: Stephan Deppen / Onlinefassung: Rick Reitler   10.01.2019 | 12:40 Uhr

Der Widerstand breiter französischer Bevölkerungsschichten gegen die Reformpolitik von Ministerpräsident Emmanuel Macron - auf der Straße manifestiert durch die Gelbwesten-Bewegung - ist für Prof. Hans Stark vom Studienkomitee für deutsch-französische Beziehungen in Paris kein Wunder. Vier Jahrzehnte ökonomisches "Durchwursteln" und die wachsende Schere zwischen Arm und Reich seien nicht ohne Folgen geblieben.

Der Widerstand breiter französischer Bevölkerungsschichten gegen die Reformpolitik von Ministerpräsident Emmanuel Macron ist für Prof. Hans Stark vom Studienkomitee für deutsch-französische Beziehungen in Paris kein Wunder. "Man darf nicht vergessen: Macron wurde im ersten Wahlgang nur von knapp weniger als einem Drittel der Wähler gewählt, die überhaupt an der Wahl teilgenommen haben", gab er im Gespräch mit SR-Moderator Stephan Deppen zu bedenken, "insgesamt repräsentiert das weniger als 20 Prozent der erwachsenen Franzosen". Von Anfang an habe also keine mehrheitliche Bewegung hinter Macron gestanden.

40 Jahre "Durchwursteln"

Außerdem krisele es in Frankreich "im Grunde genommen seit dem Ende des so genannten Wirtschaftwunders der Siebziger Jahre, also seit den beiden Ölschocks", erläuterte Stark. "40 Jahre ökonomisches Durchwursteln" hätten dazu geführt, dass Frankreich heute das Land "mit den höchsten öffentlichen Ausgaben in der OECD" und das Land mit der höchsten Steuer- und Abgabenlast sei.

Ungerechtigkeit, Wut, Aufruhr, Gewalt

Vor der immer weiter auseinandergegangenen Schere zwischen Arm und Reich habe dies dazu geführt, dass "eine Art Wut" in breiten Teilen der Bevölkerung ausgebrochen sei. "Inzwischen gibt es also eben halt wirklich eine soziale Ungerechtigkeit in diesem Land, und die hat jetzt diesen Aufruhr provoziert." Das soziale Klima sei extrem angespannt", und seitdem Frankreich eine Demokratie sei, habe es "noch nie eine so gewaltbereite Agenda gekannt wie jetzt in diesen letzten zwei Monaten", stellte Stark klar. "Die Gewalt hat enorm zugenommen, die Gelbwesten-Bewegung hat immer noch eine mehrheitliche Zustimmung im Land - nicht die Gewaltakte, aber die Bewegung, die dahinter steht. Und damit muss natürlich jetzt der Präsident erstmal zurande kommen."

Hintergrund

Der französische Premierminister Edouard Philippe will am 10. Januar in Köln und Bonn vor Vertretern aus Politik und Wirtschaft das Reformprogramm der Regierung Emmanuel Macron vorstellen. Angesichts der noch immer andauernden Gelbwesten-Proteste und den Zugeständnissen Macrons kann allerdings wohl niemand sagen, welche Reformen eigentlich dauerhaft Bestand haben werden.


Mehr zum Thema im Archiv:

Frankreich: Gilets jaunes
"Das ist schon ein Stück weit ungewöhnlich"
Am Morgen des 4. Dezember ist es "völlig unklar", wie es mit dem Kampf der französischen Gelbwesten gegen die Regierung Macron weitergehen könnte - sagte der Protestforscher Prof. Dieter Rucht im SR-Interview. Dauerhafte Erfolge räumt Rucht den "Gilets jaunes" allerdings nicht ein: Dazu sei die Bewegung zu heterogen.

"Gilets Jaunes" kontra Macron
"So viel kann der Präsident gar nicht versprechen"
Seit drei Wochen demonstrieren die "Gilets Jaunes", die Gelben Westen, in Frankreich. Eigentlich sollte der Protest friedlich ablaufen, aber immer wieder kommt es zu Ausschreitungen. Auch bei uns in der Region. In Sankt Avold beispielsweise haben Schlägertrupps Teile der Innenstadt zerstört. Im Studiogespräch: SR-Frankreichexpertin Lisa Huth zum aktuellen Stand der Dinge.

Ein Thema aus der Sendung "Bilanz am Mittag" am 10.01.2019 auf SR 2 KulturRadio.

Artikel mit anderen teilen