"Das ist schon ein Stück weit ungewöhnlich"

"Das ist schon ein Stück weit ungewöhnlich"

Ein Gespräch mit dem Protestforscher Prof. Dieter Rucht über die Bewegung "Gilets jaunes" in Frankreich

Audio: Jochen Erdmenger / Onlinefassung: Rick Reitler   04.12.2018 | 08:25 Uhr

Am Morgen des 4. Dezember ist es "völlig unklar", wie es mit dem Kampf der französischen Gelbwesten gegen die Regierung Macron weitergehen könnte - sagte der Protestforscher Prof. Dieter Rucht im SR-Interview. Dauerhafte Erfolge räumt Rucht den "Gilets jaunes" allerdings nicht ein: Dazu sei die Bewegung zu heterogen.

Wütende Franzosen in gelben Warnwesten haben der französischen Regierung schon vor Wochen buchstäblich den Krieg erklärt, fordern den Rücktritt der Regierung Emmanuel Macron. Inzwischen ist klar: Es geht um viel mehr als nur billigen Sprit und etwas bessere Bezahlung - es geht den "Gilets jaunes" um nichts weniger als die Ungerechtigkeit des gesamten Systems, um den Verrat der Eliten am eigenen Volk.

"Völlig unklar, wie's jetzt weitergeht"

Demonstration der Gilets jaunes (Foto: SR)
Demonstration der Gilets jaunes

Eine deutliche Mehrheit der Französinnen und Franzosen scheint das zu untertützen, und zwar unabhängig vom politischen Lager: "Es sieht so aus, als würde das Spektrum von ganz links bis ganz rechts reichen", bestätigte der Protestforscher Prof. Dieter Rucht im Interview mit SR-Moderator Jochen Erdmenger. Diesem Widerstand "einer unbestimmbaren Menge" von Menschen stehe Macron augenblicklich eher ratlos gegenüber. Am Morgen des 4. Dezember sei es "völlig unklar, wie's jetzt weitergeht". Die Lage in Frankreich sei jedenfalls "schon ein Stück weit ungewöhnlich".

Gesellschaft gespalten

Ähnlich wie in Deutschland habe auch das System in Frankreich über die vergangene Jahrzehnte zu einer "gewissen Schere" geführt: ökonomisch, kulturell, politisch.

Auf der einen Seite gebe es "gut gebildete und auch meistens gutverdienende Leute, die sozusagen in sich selbst kreisen, die ihre Bedürfnisse stillen und erfüllen und sich eigentlich wenig darum scheren, was mit dem Rest der Bevölkerung, denen es schlechter geht, was mit denen passiert." Auf der anderen Seite stünden jene Menschen, die das Gefühl hätten, dass ihre Interessen nicht oder zumindest nicht genug gehört und berücksichtigt würden. Insofern gebe es "durchaus Parallelen" zu deutschen Protestbewegungen wie etwas PEGIDA. Es sei "sehr sichtbar", dass bei vielen Gelbwesten die Sichtweise "Wir sind das Volk" vorherrsche - und auch der Grundgedanke, sich gemeisam gegen eine verräterische Elite zu erheben.

Dauerhaft keine Chance

Bei aller berechtigten Kritik räumt Rucht den gelben Westen aber keine allzu großen Chancen auf dauerhaften Bestand als stabile und gut organisierte Bewegung ein: "Dafür sind die Interessen und die Gruppierungen viel zu heterogen", sagte Rucht, "insbesondere werden die Rechten und die Linken, die da mitmischen, auf Dauer keine einheitliche Front bilden können."


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Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" am 04.11.2018 auf SR 2 KulturRadio.

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