"Ein explosives Gemisch, was sich da zusammenbraut"

"Ein explosives Gemisch, was sich da zusammenbraut"

Ein Interview mit Frankreich-Korrespondentin Barbara Kostolnik

Audio: Holger Büchner, Foto: dpa/Michel Euler, Onlinefassung: Rick Reitler   20.11.2018 | 07:45 Uhr

Es steckt wohl mehr als nur der Wunsch nach günstigem Sprit hinter den "gelben" Straßenblockaden in Frankreich - es geht wohl auch um den schon lange schwelenden Konflikt zwischen Land und Stadt. Die Wut der gut vernetzten Landbewohner richtet sich gegen Präsident Macron - Ausgang ungewiss.

Langsam kristallisiert sich heraus: Es steckt wohl mehr als nur der Wunsch nach günstigem Sprit hinter den seit Tagen anhaltenden Protesten und Straßenblockaden in Frankreich - es geht wohl auch um den schon lange schwelenden Konflikt zwischen Land und Stadt.

Gilets jaunes kontra Emmanuel Macron

Große Teile der Landbevölkerung fühlten sich von Paris vergessen, abgehängt, nicht gewürdigt und erst recht nicht vertreten, erklärte Frankreichkorrespondentin Barbara Kostolnik im Gespräch mit SR-Moderator Holger Büchner. Nun entlade sich Wut der offensichtlich gut vernetzten Landbewohner mit ihren gelben Warnwesten ("Gilets jaunes") lawinenartig gegen Präsident Emmanuel Macron - Ausgang ungewiss. Von Ruhe oder Normalität sei die "Grande Nation" jedenfalls noch weit entfernt - vielmehr braue sich zurzeit auf Frankreichs Straßen "ein explosives Gemisch" zusammen, sagte Kostolnik.


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Der Zorn des Volkes bricht sich in ganz Frankreich Bahn: Unter dem Aktionsmotto "Gilets Jaunes" blockieren hunderttausende Menschen in gelben Westen Kreuzungen, Kreisel, Autobahnen oder Supermärkte, um die Regierung Macron davon abzuhalten, die Steuern für Kraftstoffe noch weiter zu erhöhen. In der lothringischen Region Moselle Est direkt an der saarländischen Grenze hat SR-Reporterin Lisa Huth besonders viel Widerstandsgeist festgestellt: Es geht offenbar nicht nur um billigen Sprit, sondern auch um gekürzte Renten, sinkende Kaufkraft, um den kaputt gesparten ÖPNV und generell um Ohnmachtsgefühle der Landbevölkerung gegenüber der reichen Machtzentrale Paris.


Die Meinung:

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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will unbedingt an seinen Steuererhöhungsplänen für Diesel festhalten. Doch obwohl es gute Gründe dafür gibt, kann man auch die protestierende Landbevölkerung verstehen, meint SR-Korrespondentin Sabine Wachs: Die versprochenen Entlastungen scheinen zumindest "gefühlt" nicht anzukommen, schon gar nicht in den strukturschwachen Dorfregionen im Norden oder Osten Frankreichs, wo es kaum noch Geschäfte oder Busverbindungen gibt und auch die Bahn ihren Betrieb längst eingestellt hat. "Und am Ende des Geldes ist noch verdammt viel Monat übrig", meint Wachs in ihrem Kommentar.


Hintergrund:

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Die Protestaktion gegen die hohen Spritpreise und -steuerpläne in Frankreich dauert in Lothringen bereits drei Tage an. In Forbach und anderen Städten der Grenzregion blockieren Demonstranten erneut Straßen.

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Blockaden in Frankreich: Keine Seite gibt nach
Auch heute blockieren viele Franzosen den Straßenverkehr. Sie sehen sich als Vertreter eines Volkswillens. Doch die Regierung bleibt bei ihrem Vorhaben, die Spritpreise zu erhöhen.

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 20.11.2018 auf SR 2 KulturRadio.

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