Über die Selbstgerechtigkeit der liberalen Mittelschicht

Über die Selbstgerechtigkeit der liberalen Mittelschicht

Ein Gespräch mit der Wiener Soziologin Laura Wiesböck

Audio: Roland Kunz, Foto: Luiza Uiui, Onlinefassung: Rick Reitler   15.11.2018 | 15:30 Uhr

Die Soziologin Laura Wiesböck geht mit der liberalen Mittelschicht hart ins Gericht: Aus Angst vor dem eigenen Abstieg versuchten besonders Akademikerfamilien, sich nach "unten" abzugrenzen - und sie bedienten sich dabei denselben selbstgerechten Abwertungmethoden wie jene anderen, über die sich sich moralisch erheben wollten.

Die österreichische Soziologin Laura Wiesböck geht in ihrem Buch "In besserer Gesellschaft" mit der urbanen Mittelschicht hart ins Gericht: Viele Akademikerfamilien beispielsweise versuchten ständig, sich nach "unten" abzugrenzen - und zwar mit einem bestimmten, demonstrativ urban-nachhaltigen Lebensstil und mit den Strategien der "vorurteilsbasierten Abwertung".

"Vorurteilsbasierte Abwertung"

Systematisch abgewertet würden beispielsweise das bildungsfernere Prekariat oder Menschen, die mit "Rechtspopulisten" sympathisierten. Dabei merkten die "liberaleren" Bürger gar nicht, dass sie sich der gleichen Abgrenzungs- und Abwertungsmuster bedienten wie der zutiefst verachtete, vorurteilsbeladene Ausländerfeind. "Sie wähnen sich oft als Hüter der Wahrheit", sagte Wiesböck im Gespräch mit SR-Moderator Roland Kunz, "aber rechtspopulistische Wählerinnen und Wähler für dumm zu halten, und Migrantinnen und Migranten für Sozialschmarotzer zu halten, ist eigentlich exakt das gleiche Schema."

Kinder-Vornamen als "Markierung" der Gruppe

Wiesböck hält diese moralische Selbsterhöhung via Abgrenzung speziell bei der Mittelschicht für ziemlich selbstgerecht - auch wenn aus ihrer Sicht wohl meistens die Angst vor dem Abstieg dahinter steckt. Ein beliebtes Mittel der Abgrenzung sei auch die Wahl der Namen für die eigenen Kinder: Wer seinen Nachwuchs beispielsweise Leopold oder Ferdinand taufe, setze damit durchaus bewusst eine "symbolische Markierung", zur Mittelschicht zu gehören - und eben nicht zu denen ganz unten.


Der SR 2-SachbuchTipp

"In besserer Gesellschaft" von Laura Wiesböck (Foto: SR)

Laura Wiesböck
In besserer Gesellschaft. Der selbstgerechte Blick auf die Anderen

Kremayr & Scheriau 2018
208 Seiten, 22,00 Euro
ISBN: 978-3-218-01133-4


Hintergrund

Die ARD-Themenwoche auf SR 2
Ist das gerecht?
Viele Menschen fühlen sich im Alltag aus unterschiedlichen Gründen ungerecht behandelt. Aber wie wird beurteilt, was gerecht ist und was nicht? Auch SR 2 KulturRadio beleuchtete im Rahmen der ARD-Themenwoche 2018 unterschiedliche Facetten von Gerechtigkeit.

Rund um die Themenwoche
Themenwoche Gerechtigkeit
Gerechtigkeit ist in unserem Alltag ständig ein Thema. Fast jeder stellt sich irgendwann die Frage: "Ist das gerecht?" Und viele fühlen sich aus unterschiedlichen Gründen ungerecht behandelt. Aber wie wird beurteilt, was gerecht ist und was nicht? Die ARD Themenwoche hat sich in diesem Jahr eingehend mit Fragen rund um die Gerechtigkeit beschäftigt.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 15.11.2018 auf SR 2 KulturRadio.

Artikel mit anderen teilen