Gerechtigkeit zwischen Leistungs- und Beitragsprinzip

Was ist eigentlich Gerechtigkeit?

Ein Gespräch mit dem Soziologen Prof. Stefan Liebig vom Deutschen Institut für Wirtschaft, Berlin

Audio: Johannes Kloth, Onlinefassung: Rick Reitler   12.11.2018 | 08:50 Uhr

Nach Erkenntnissen des Berliner Soziologen Prof. Stefan Liebig gibt es zwei relativ stabile "Grundorientierungen", an denen Menschen das Ausmaß von Gerechtigkeit festmachen: Die einen seien eher für das Leistungsprinzip, die anderen bevorzugten eher den Wohlfahrtsstaat ("Beitragsprinzip"). Ein wichtiger Faktor werde oft unterschätzt - nämlich die "soziale Wertschätzung".


Die Auffassung darüber, was eigentlich "gerecht" ist, unterscheidet sich - je nach Alter, kulturellem Hintergrund, persönlicher Situation oder politischer Überzeugung.

Zwei Grundorientierungen

Die persönliche "Grundorientierung der Gerechtigkeit" habe die Forschung dabei als ziemlich stabil erkannt, wie der Soziologe Prof. Stefan Liebig vom Deutschen Institut für Wirtschaft in Berlin, im Gespräch mit SR-Moderator Johannes Kloth erklärt: Viele Menschen seien eher für das Leistungsprinzip, die anderen bevorzugten eher den Wohlfahrtsstaat - Letzteres bezeichne man in der Soziologie als "Beitragsprinzip"".

Faktor "soziale Wertschätzung"

Eine Rolle bei der Wahrnehmung ungerechter Verhältnisse spiele nicht nur die wirtschaftliche Gesamtsituation in einer Gemeinschaft, sondern auch die "soziale Wertschätzung", gab Liebig zu bedenken. Deshalb reiche es politisch offensichtlich nicht aus, nur auf das "alte Verteilungsparadigma" zu setzen, wie die Beispiele von SPD und Linken zeigten, so Liebig. Die Forschung habe beispielsweise gezeigt, dass das Prinzip "soziale Wertschätzung" vor allem AfD-Wählerinnen und Wählern besonders wichtig sei.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 12.11.2018 auf SR 2 KulturRadio.

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