Verfälschen Prognosen das Wahlergebnis?

Verfälschen Prognosen ein Wahlergebnis?

Ein Gespräch mit dem Kommunikationswissenschaftler Prof. Frank Brettschneider, Universität Hohenheim

Audio: Katrin Aue / Onlinefassung: Rick Reitler   25.10.2018 | 12:45 Uhr

Drei Tage vor der Landtagswahl in Hessen hat SR 2-Moderatorin Katrin Aue bei Prof. Frank Brettschneider nachgefragt, ob die Flut von Wahlumfragen und Prognosen nicht die Gefahr birgt, die Wähler zu beeinflussen. Bestimmte Effekte seien nicht von der Hand zu weisen, räumte der Kommunikationswissenschaftler ein - andere seien bloß "Quatsch".

Je näher der Termin einer Parlamentswahl rückt, desto mehr Prognosen und Umfragen werden von den Meinungsforschungsinstituten veröffentlicht - und von den Medien gerne weiter verbreitet, denn der Nachrichtenwert gilt als hoch.

Geht es dabei wirklich nur um Information der politisch interessierten Bürger? Oder birgt die Flut von Statistiken nicht auch die Gefahr, die Wähler zu beeinflussen? "Nicht in dem Umfang, wie's häufig gedacht wird", erläuterte der Kommunikationswissenschaftler Prof. Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim im Gespräch mit SR 2-Politikredakteurin Katrin Aue.

Knappe Prognose - hohe Wahlbeteiligung

Wissenschaftler diskutierten heute "ganz unterschiedliche Effekte" von medial verbreiteten Voraussagen, erklärte Brettschneider. So werde beispielsweise angenommen, dass mehr Leute zum Wahlgang bewegt würden, wenn eine Prognose "knapp" aussehe. Einen solchen Effekt habe man tatsächlich festgestellt - dieser aber betreffe "die Anhänger aller Parteien". Von daher änderten knappe Prognosen nichts am Wahlergebnis, sondern nur an der Wahlbeteiligung.

Weder "Mitläufereffekt" noch "Mitleidseffekt"

Dem von vielen Forschern diskutierten "Mitläufereffekt" erteilte Brettschneider eine eindeutige Absage. Es sei "ziemlicher Quatsch", dass Menschen eine in der Prognose gerade vorne liegende Partei ankreuzten, nur um am Wahlabend "auf der Siegerseite" zu stehen. "Dieser Effekt ist nicht nachgewiesen, weder bei uns noch in den USA", stellte Brettschneider klar. Dasselbe gelte für den "Mitleidseffekt", also die umgekehrte Annahme, dass Menschen jene Partei wählten, die in Prognosen hinten liege.

Die "taktische Wahl"

Sehr wohl aber habe man den Effekt des "taktischen Wählens" belegen können: Manche Wähler schätzten anhand von Umfragedaten ab, wie sie eine bestimmte Koalition "ins Amt bringen" könnten - "und dann wählen sie auch mal 'ne Partei, die sie nicht am besten finden, von der sie sich aber versprechen, dass sie am ehesten eine Koalition mit ihrer eigentlich präferierten Partei bilden". In dieser Weise aber würden nur "sehr wenige Menschen" verfahren, sagte Brettschneider.


Hintergrund

hr.de: Politik
Die Landtagswahl in Hessen
Aktuelle Informationen zur Landtagswahl in Hessen gibt's im Wahl-Dossier des Hessischen Rundfunks.

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" vom 25.10.2018 auf SR 2 KulturRadio.

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