Wie der Klüngel in Berlin zur Wut im Land führt

Wie der Klüngel in Berlin zur Wut im Land führt

Ein Gespräch mit Elitenforscher Prof. Dr. Michael Hartmann

Johannes Kloth / Onlinefassung: Rick Reitler   23.08.2018 | 08:45 Uhr

Die Wut wächst in weiten Teilen der Welt - angesichts grotesk ungleicher Besitzverhältnisse, Umweltverschmutzung, Massenverarmung, Flüchtlingsströme, Medienmonopolen, Klüngeleien und teils totaler Abschottung der Mächtigen.

Auch in Deutschland sind längst nicht alle Bürger mit den globalen, europäischen und nationalen Verhältnissen einverstanden - und viele werfen der Presse, der so genannten "Vierten Macht im Staat" vor, nicht neutral und ausgewogen genug zu berichten.

Wenn die Lebenswirklichkeit fehlt

Für den Elitenforscher Prof. Dr. Michael Hartmann ("Die Abgehobenen - wie die Eliten die Demokratie gefährden") ist das kein Wunder, denn die Eliten in Medien, Politik und Wirtschaft blendeten - speziell in Berlin - immer wieder die Lebenswirklichkeit des einfachen Bürgers aus.

Trotzdem warnt Hartmann vor dem Begriff Lügenpresse: "Meine Kritik richtet sich darauf, dass die, die in den führenden Positionen in den Medien sitzen, vor allem aufgrund ihrer Herkunft und auch ihrer eigenen Situation zunehmend den Kontakt zur Normalbevölkerung verloren haben", stellte Hartmann im Gespräch mit SR 2-Moderator Johannes Kloth fest. In den Spitzenpositionen der Medienlandschaft stammten "vier von fünf aus den oberen fünf Prozent der Bevölkerung". Eine solche Exklusivität gebe es "sonst nur in der Wirtschaftselite". Dabei führe schon die familiäre Prägung der hochrangigen Medienvertreter dazu, dass sie "die Wirklichkeit anders wahrnähmen als die Menschen, die unterhalb dieser Trennlinien der Gesellschaft leben".

Ein Quadratkilometer Abgehobenheit

Längst finde das Treffen der Spitzenvertreter von Politik und Medien nicht mehr im ganzen Land statt. Der "gesamte Hauptstadtjournalismus" konzentriere sich vielmehr "auf so einem Areal von einem guten Quadratkilometer" in Berlin-Mitte zwischen Gendarmenmarkt und Brandenburger Tor. "Die treffen sich alle untereinander, die treffen sich mit Politikern, die treffen sich mit den Leuten, die in den Dependancen der großen Konzerne sind", erklärte Hartmann, "und man bestätigt sich gegenseitig, was wichtig ist, was nicht so wichtig ist."

Negative Folgen "einfach ausgeblendet"

Wenn Teile der Bevölkerung dies ganz anders sähen, dann könnten jene Spitzen aus Wirtschaft, Politik und Medien das "eigentlich nicht nachvollziehen". Die Eliten führten den Widerspruch der Bürger dann normalerweise darauf zurück, dass die Menschen einfach nur "schlecht informiert" seien oder sich hätten "verführen lassen." Genau darauf beruhe aber der "Kern dieses Unmuts in Teilen der Bevölkerung", so Hartmann: "Dass eben die Folgen von Handlungen auf EU-Ebene für einen Teil negativ sind für ihren Lebensstandard - das wird einfach ausgeblendet."


Der SR 2-Programmhinweis:

Prof. Dr. Michael Hartmann ist am Morgen des 9. September mit seinem Buch "Die Abgehobenen - wie die Eliten die Demokratie gefährden" zu Gast bei SR 2 KulturRadio, um sich ausführlich den Fragen des Publikums zu stellen.

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 23.08.2018 auf SR 2 KulturRadio..

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