"Die wenigsten Griechen sehen einen Grund zu Feiern"

"Die wenigsten Griechen sehen einen Grund zum Feiern"

Ein Gespräch mit Griechenland-Korrespondent Christian Buttkereit über Griechenland nach dem Auslaufen der EU-Hilfsprogramme

Audio: Johannes Kloth / Onlinefassung: Rick Reitler   20.08.2018 | 08:25 Uhr

Mit dem 20. August 2018 soll Griechenland wieder auf eigenen finanziellen Füßen stehen - ohne weitere milliardenschwere Hilfspakete aus der EU. Ein Anlass zum Jubel ist das für die meisten Griechen allerdings kaum, wie Korrespondenten Christian Buttkereit im SR 2-Gespräch erläutert - denn im Alltag litten noch immer viele Menschen unter Geldmangel.

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Als der damalige griechische Premierminister George Papandreou im April 2010 frische Milliarden von der EU für sein finanziell arg in Schieflage geratenes Land einforderte, reagierte die Staatengemeinschaft mit endlosen Verhandlungen... und zahlte am Ende unter Missachtung der eigenen Maastricht-Währungsverträge.

Insgesamt drei milliardenschwere Hilfspakete und 15 Reformpakete gingen bis heute aus Brüssel an die Adresse Athen. Für die Unterstützung mussten die Griechen einige Kröten schlucken - Stichworte Reformpakete, Spardiktat, Einkommenskürzungen, hohe Arbeitslosigkeit, Troika-Aufsicht...

"... unter den Reformen sehr gelitten"

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Mit dem 20. August soll Griechenland nun wieder auf eigenen finanziellen Füßen stehen und sich selbst am privaten Kapitalmarkt mit der nötigen Liquidität versorgen dürfen. Ein Anlass zum Jubel ist das für die meisten Griechen allerdings nicht, "weil es ihnen letztendlich im Leben nicht besser geht, weil sie unter den Reformen sehr gelitten haben", wie Korrespondenten Christian Buttkereit im SR 2-Gespräch erklärt: "Die Renten sind zum Teil auf ein Drittel geschrumpft, die Gehälter durchschnittlich um 25 Prozent, bei vielen mehr."

Kein Ende in Sicht

Auch das Ansehen der Politiker habe gelitten: Der amtierende Präsident Alexis Tsipras stehe bei vielen Bürgern als "Wendehals" da, der sich nach seiner Wahl und anfänglichem Widerstand doch noch dem Spar-Diktat der EU-Geldgeber unterworfen habe "wie eigentlich keine Regierung vor ihm". Durch die "harten Sparmaßnahmen" sei diese Regierung allerdings auch "angeschlagen". Ob sie bei den Parlamentswahlen im September 2019 wieder als Sieger hervorgehe, stehe in den Sternen - zurzeit liege Tsipras in Umfragen etwa zehn Prozent hinter der konservativen Partei Neo Demokratia. "Die haben allerdings auch, erkennbar zumindest, erstmal keine anderen Konzepte als weiterhin einen harten Spar- und Reformkurs weiterhin zu verfolgen". Die nächste Rentenkürzung stehe ohnehin schon für den Januar 2019 vor der Tür, so Buttkereit.


Die Meinung:

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Experten-Interview:

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Zum Thema Sparpolitik in Europa:

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