Saar-Prominenz im Schatten der Vergangenheit

Prominenz im Schatten der Vergangenheit

Thomas Bimesdörfer   08.08.2018 | 08:45 Uhr

Vom einst bewunderten Ehrenbürger zur heute verabscheuten "persona non grata"... Dieser Absturz passierte im Saarland im Zuge der "Vergangenheitsbewältigung" bereits einigen verstorbenen Landessöhnen. SR 2-Wortchef Thomas Bimesdörfer skizziert den komplexen Umgang mit General Paul Emil von Lettow-Vorbeck, dem Mediziner Oscar Orth und dem Industriellen Hermann Röchling.

Paul Emil von Lettow-Vorbeck:

In Völklingen gibt es sie noch, die Lettow-Vorbeck Straße, auch im pfälzischen Kaiserslautern und anderswo. Aber nicht mehr in Saarlouis, der Geburtsstadt des Kommandeurs der deutschen Schutztruppen in Ostafrika bis 1918. Dort wurde sie auf Beschluss des Stadtrates im Frühjahr 2010 umbenannt. Die Saarlouiser Lettow-Vorbeck Brücke kam schon in den achtziger Jahren zu einem neuen Namen. Damit ging in Saarlouis ein Stück Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit zu Ende, die Ende August 1956 ihren Anfang nahm, als der Stadtrat mit nur einer Gegenstimme General Paul Emil von Lettow - Vorbeck zum Ehrenbürger auf Lebenszeit machte. Dass sich Lettow-Vorbeck bis 1906 an der blutigen Niederschlagung des Herero-Aufstandes beteiligt hatte und 1920 auch aktiv am reaktionären Kapp-Putsch gegen die gewählte Reichsregierung, muss den Saarlouiser Ratsleuten damals nicht so wichtig gewesen sein. Das Verhältnis von Lettow-Vorbeck zu den Nationalsozialisten und umgekehrt blieb widersprüchlich. Tatsache ist aber: der wilhelminische Militär war mit Sicherheit niemals Mitglied der NSDAP.

Anders als bei Oskar Orth:

Der Chirurg aus Ensheim soll nach Angaben des Bundesarchivs 1936 in die Partei eingetreten sein. Völlig eindeutig  ist, Orth hat 25 Jahre lang, von 1922 bis 1947, das Landeskrankenhaus in Homburg geleitet und gehört zu den Gründervätern der Universitätsklinik. Orth hatte seine Entnazifizierung mehr schlecht als recht überstanden, wurde 1947 mit 71 Jahren in den Ruhestand geschickt. Zum Trost erhielt er noch im selben Jahr die Ehrenbürgerwürde der Stadt Homburg auf Lebenszeit, die gleiche Ehrung hatte ihm Ensheim schon ein Jahr früher zuteilwerden lassen. Anfang der neunziger Jahre wirft eine Magisterarbeit über Zwangssterilisationen im Saarland  zum ersten Mal ein trübes Licht auf Oskar Orth. Denn heute unumstritten ist, unter seiner Leitung war auch das Homburger Landeskrankenhaus im Rahmen des nationalsozialistischen Eugenikprogramms an diesen Verbrechen beteiligt. Orth soll rund 1400 Operationsprotokolle unterschrieben haben. Deshalb beschließt die Stadt Homburg sehr zeitnah und sehr konsequent bereits Ende 1993, ihren Oskar Orth Preis für erfolgreiche Nachwuchsmediziner zunächst vorläufig umzubenennen. Im Laufe der neunziger Jahre wird immer deutlicher, Orth hat auch selbst mindestens einen Menschen gegen seinen Willen oder ohne sein Wissen sterilisiert. Die Oskar-Orth-Straße in Homburg heißt deshalb schon seit 1997 Kirrberger Straße. In Ensheim benötigte der zuständige Bezirksrat zwei Anläufe und es wurde Herbst 2001, bis die Straßenschilder ausgetauscht wurden.

Nicht um eine Straße, sondern gleich um einen ganzen Stadtteil geht es bei Herrmann Röchling:

Der Völklinger Industrielle war Namensgeber einer Siedlung im Nordwesten der Kernstadt. Nach ihm benannt an seinem ersten Todestag 1956. Herrmann Röchling ist verurteilter Kriegsverbrecher, sogar gleich zwei Mal 1919 und 1949, jeweils durch französische Gerichte. Lange im Gefängnis saß er jedoch nie. Unbestritten war Röchling Mitglied der NSDAP seit 1935. Er trug im 3. Reich  den Ehrentitel Wehrwirtschaftsführer, traf Adolf Hitler, verfasste Denkschriften für ihn, äußerte sich öffentlich eindeutig antisemitisch, beschäftigte Zwangsarbeiter in seiner Völklinger Hütte. Auf der anderen Seite hat er den Ruf eines gütigen Patriarchen seines Unternehmens, als Wohltäter der Stadt Völklingen und als Industrieller mit großer sozialer Ader. In diesem hoch aufgeladenen Spannungsfeld bewegt sich noch heute die zum Teil hitzige Debatte um die Person Herrmann Röchling. Der Stadtteil heißt seit 2013 nur noch Röchlinghöhe. Das ist der Versuch eines Kompromisses.


Saar-Geschichte
Der Fall Röder - Chronologie eines Historikerstreits
Seit 2003 streiten die Historiker im Saarland um die frühen Karrierejahre des späteren Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder: Wie nahe stand der spätere CDU-Politiker der Nazi-Ideologie zwischen 1933 und 1945? Was genau wirft man ihm vor? Was sagen Röder-Kritiker und -Verteidiger? Für SR 2 KulturRadio fasst Sally-Charell Delin den Historikerstreit chronologisch zusammen.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Morgen" vom 08.08.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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