Historikerstreit als Ersatzhandlung?

Historikerstreit als Ersatzhandlung?

Ein Gespräch mit Prof. Mechthild Gilzmer, Romanistikerin an der Universität des Saarlandes

Kai Schmieding / Onlinefassung: Rick Reitler   08.08.2018 | 07:45 Uhr

Warum eigentlich kochen die Gefühle so schnell hoch, wenn es - wie im Fall Röder - um historische Forschung geht? Für Mechthild Gilzmer, Professorin für Romanistik an der Universität des Saarlandes und Expertin für Erinnerungskultur, lässt sich die große Erregung als "eine gewisse Ersatzhandlung" deuten. Ein SR 2-Interview.

Neueste Veröffentlichungen über die Karriere und das Leben des saarländischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder (1959 - 1979) legen nahe, dass die Interpretation der vorhandenen Quellen noch immer sehr unterschiedliche Perspektiven und Schlussfolgerungen hervor bringen kann.

Emotionen in der Forschung

Tatsächlich aber geht die Debatte über die "richtige" oder "falsche" Sichtweise auf die Dinge meist einher mit Verbitterung, Wut oder gar Hass - und das sogar noch Jahrzehnte nach dem Tod einer umstrittenen Person. Warum aber kochen die Gefühle überhaupt so schell hoch, wenn es ausgerechnet um historische Forschung geht?

Machtmissbrauch und Enttäuschung

Für Mechthild Gilzmer, Professorin für Romanistik an der Universität des Saarlandes und Expertin für Erinnerungskultur, lässt sich die große Erregung auch als "eine gewisse Ersatzhandlung" deuten: Zumindest unbewusst gehe es wahrscheinlich bei jedem Einzelnen um die Frage, wie man selbst gehandelt hätte, wenn man an der Stelle eines historischen Prominenten gewesen wäre - und wie man sich selbst heute in einer ähnlichen Machtposition mit entsprechendem Handlungsspielraum verhalten würde.

Generell seien die Menschen erfahrungsgemäß sehr sensibel, wenn es möglichen Machtmissbrauch gehe, gab sie im Gespräch mit SR 2-Moderator Kai Schmieding zu bedenken. Auch die "ungeheure Enttäuschung", dass eine womöglich lange bewunderte Person durch Historiker "vom Sockel gestoßen" würde, spiele psychologisch eine Rolle.


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Am 30. April 1959 wurde der CDU-Politiker Franz Josef Röder zum dritten Ministerpräsidenten des Bundeslandes Saarland. In seiner 20-jährigen Amtszeit integrierte er das Saarland in das politische und wirtschaftliche Gefüge Deutschlands. So beendete eine umfangreiche Gesetzgebung auf allen Gebieten die Sonderentwicklung, die sich aus französischen Einflüssen im saarländischen Recht ergaben. In Röders Regierungszeit fiel ab er auch die Kohlekrise. Erste Gruben wurden geschlossen. Röder starb am 26. Juni 1979. Einen Tag zuvor hatte er angekündigt, 1980 nicht mehr kandidieren zu wollen.

Lebensdaten von Franz-Josef Röder:
Geboren: 22. Juli 1909, Merzig
Gestorben: 26. Juni 1979, Saarbrücken


Hintergrund / Archiv:

Biografie über Franz-Josef Röder
"Ein Politiker alter Schule"
Von 1959 bis 1979 lenkte Franz-Josef Röder die Regierungsgeschäfte des Saarlandes, führte das damals jüngste Bundesland durch eine bewegte Zeit. Er galt als Patriarch, aber auch als volksnah, er war streng katholisch und heimatverbunden, aber ebenso staatsmännisch im öffentlichen Auftritt. Nur einen Tag nachdem er 1979 seinen Rücktritt angekündigt hatte, starb der CDU-Politiker. Nun ist eine neue Biografie über ihn erschienen, verfasst vom Historiker und Saarbrücker Stadtarchivar Hans-Christian Herrmann.


Die literaturwissenschaftliche Perspektive:

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Vor dem Hintergrund der Debatte um die NS-Vergangenheit des ehemaligen Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder hat SR 2-Redakteurin Tilla Fuchs mit dem Literaturwissenschaftler Prof. Michael Braun u. a. über die Entwicklung der literarischen Erinnerungskultur von 1945 bis heute - und über ihre jeweiligen gesellschaftlichen Auswirkungen gesprochen.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Morgen" vom 08.08.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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