Röder-Debatte "fern vom idealen Diskurs"

Röder-Debatte "fern vom idealen Diskurs"

Warum die Debatte um die NS-Vergangenheit von Franz-Josef Röder entgleist

Ein Funkessay von Tilla Fuchs und Johannes Kloth   08.08.2018 | 19:55 Uhr

SR 2-Redakteurin Tilla Fuchs und SR 2-Redakteur Johannes Kloth sind der Frage nachgegangen, warum die Debatte um die NS-Vergangenheit von Franz-Josef Röder in den vergangenen Jahren zu einem auch medial geführten Streit entgleist ist. "Historiker haben Kriterien entwickelt, um den Grad der Belastung zu objektivieren - und doch bleibt es ein emotionales Thema", so ihr Erklärungsansatz. Was in der Röder-Debatte irritiere, sei "nicht ihre Struktur, sondern die Art und Weise, wie die Frage, um die es eigentlich geht, aus dem Fokus geraten ist". Ein Funkessay aus der SR 2-BücherLese vom 8. August 2018.

Die Aufarbeitung der NS-Zeit ist ein schmerzhafter Prozess. Auch, weil er uns als Gesellschaft immer wieder mit der Frage nach den Tätern, nach der Schuld an dem, was zwischen 1933 und 1945 passiert ist, konfrontiert. Dass diese Frage wichtig ist, ja das Selbstverständnis unserer Demokratie begründet - darüber herrscht heute weitgehend Einigkeit.

Wie stark waren Menschen, Institutionen, Unternehmen „NS-belastet“? Darüber wird seit Jahrzehnten in ganz Deutschland anhand regionaler Fälle diskutiert und geforscht. Dabei hat sich die Perspektive gewandelt, heute blicken wir anders auf die NS-Zeit als nach dem Krieg oder als 1968. Mit dem Abstand von über 70 Jahren wissen wir heute: Eine Mitgliedschaft etwa in der NSDAP sagt nicht zwingend etwas über die Belastung einer Person und lässt nur begrenzt Schlüsse über das Ausmaß ihrer Verstrickung zu. Andererseits ist auch klar: Der Nationalsozialismus, das waren nicht nur die Schergen des Holocausts und Schreibtischtäter, sondern auch die „Mitmacher“, die Opportunisten. Historiker haben Kriterien entwickelt, um den Grad der Belastung zu objektivieren. Und doch bleibt es ein emotionales Thema, nicht immer gibt es ausreichend Quellen, und vorhandene Quellen werden unterschiedlich interpretiert. Das ist normal und führt an vielen Stellen zu Diskussionen zwischen Historikern, Journalisten, aktiven Bürgern. Solche Diskurse sind Zeichen einer lebendigen Demokratie. Aber sie können auch entgleisen.

In seiner Struktur ist die Debatte um die Nazi-Vergangenheit Franz Josef Röders eigentlich nicht untypisch: Im Zentrum steht (oder besser gesagt stand einmal) die Frage, wie sehr war der ehemalige saarländische Ministerpräsident in das NS-Regime verstrickt? Die eine Seite, um den Landesarchivar Peter Wettmann-Jungblut und den Saarbrücker Stadtarchivar Hans-Christian Herrmann, beurteilt zurückhaltend und wirft der anderen Seite um den Historiker Erich Später und unseren Kollegen Julian Bernstein, vor, Röder eine tiefbraune Gesinnung anhängen zu wollen. Bernstein und Später wiederum sehen Anhaltspunkte für eine stärkere Verstrickung als bislang angenommen und werfen umgekehrt den Verteidigern eine apologetische Geschichtsschreibung vor. Eine solche Frontenbildung in der Aufarbeitung der Vergangenheit ist nicht selten, und immer wieder auch Grundlage produktiver Diskurse, die neue Erkenntnisse zu Tage fördern können.

Was in dieser Debatte irritiert, ist also nicht ihre Struktur, sondern die Art und Weise, wie die Frage, um die es eigentlichgeht, aus dem Fokus geraten ist. Dabei ist Röders NS-Vergangenheit nicht einmal besonders spektakulär. Röder, darin herrscht Einigkeit, war kein ruchloser Kriegsverbrecher. Vielmehr war er ein ((ZITAT)) „NS-Funktionär mehr aus der dritten denn der zweiten Reihe“, wie es Julian Bernstein schreibt.

Dass Franz Josef Röders NS-Vergangenheit überhaupt Forschungsthema wurde, ist maßgeblich ihm und Erich Später zu verdanken. Zwar sind bislang nur wenige Quellen bekannt, die das konkrete Wirken Röders in der Zeit der Saar-Abstimmung 1935 und später als Chef des DAAD in den Niederlanden, der er bis Kriegsende war, beschreiben. Doch die meisten der Dokumente, die Hinweise auf eine Belastung geben, haben die beiden erstmals veröffentlicht oder erstmals entsprechend eingeordnet. 

Es war Erich Später, der die NSDAP-Mitgliedschaft Röders in den saarbrücker heften erstmals publizierte. 2003 – vor über 15 Jahren! Eine Publikation die ohne Widerhall blieb. Erst in jüngster Zeit erschienen Aufsätze und Monografien von Hans-Christian Herrmann, Peter Wettmann-Jungblut und Heinrich Küppers, die auf Röders Rolle in der NS-Zeit eingehen. Doch: Warum werden dort belastende Fakten nicht erwähnt – etwa Röders zumindest nominelle Mitgliedschaft im Ordnungsdienst, der „Kampftruppe“ der „Deutschen Front“?

Oder Hinweise auf eine Mitgliedschaft in der SA?

Julian Bernstein hat mit spitzer Feder immer wieder von ihm konstatierte Versäumnisse der Archivare provozierend aufgespießt, hat selbst Quelleninterpretationen vorgenommen. Ob er in seinen Schlüssen zu weit geht? Das könnte Gegenstand des Diskurses sein. Ob er zu polemisch formuliert? Das ist Geschmackssache. Julian Bernstein hat aber keineswegs schlampig recherchiert, Lügen oder „Fake News“ verbreitet, wie es die Stellungnahme der Kommission für Saarländische Landesgeschichte in der aktuellen Ausgabe der saargeschichte/n nahelegt.

„Historische Debatten sollen und müssen entlang verifizierbarer Fakten und ergebnisoffen geführt werden“, schreibt die Kommission. Das stimmt.

Aber: Geschichtsschreibung – zumal biografische – hat immer auch eine narrative Dimension. Ein im Saarland fest verankertes Narrativ ist das des übergroßen Landesvaters Röder, der die Geschicke des Landes zwei Jahrzehnte lang als Ministerpräsident klug und erfolgreich gelenkt hat. Doch steht dieses Narrativ hier gar nicht zur Debatte! Sind wir denn 2018 nicht längst weiter und können den scheinbaren Widerspruch aushalten, dass jemand im Sinne des NS-Regimes tätig war und dennoch ein Demokrat in seinem späteren Wirken?

Dieser Konsens müsste Basis eines funktionierenden Diskurses sein.

Der Diskurs um die NS-Vergangenheit Röders ist jedoch entgleist. Er ist entgleist, weil er sich nicht mehr auf die eigentliche Frage konzentriert, die einmal lautete: Wie sehr war der ehemalige saarländische Ministerpräsident in das NS-Regime verstrickt? Mittlerweile geht es in diesem Diskurs nur noch um Deutungshoheit.

Ja, die Aufarbeitung der NS-Zeit ist ein mühsamer Prozess, der auch 73 Jahre später noch längst nicht beendet ist. Und der heute vor einer neuen Herausforderung steht: In absehbarer Zeit wird es nur noch Bücher, Film- oder Tonaufnahmen geben und niemanden mehr, der aus erster Hand über die Zeit des Nationalsozialismus berichten kann. Umso größer ist unsere Verantwortung, umso sorgsamer müssen wir mit den Quellen umgehen, umso wichtiger wird es sein, sich in Debatten zwar leidenschaftlich, kritisch, mitunter polemisch aber mit Respekt zu begegnen.


Röder als Ministerpräsident

Video-Archiv
SR-Fundstücke: Ein Interview mit Franz-Josef Röder und Peter Altmeier
Nach dem ersten Arbeitstreffen der Regierungen von Rheinland-Pfalz und dem Saarland interviewt SR-Redakteur Willi Gasper die beiden Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder und Peter Altmeier, beide CDU. (Sendedatum: 23.10.1963, Länge ca. 4:01 Min.]

Am 30. April 1959 wurde der CDU-Politiker Franz Josef Röder zum dritten Ministerpräsidenten des Bundeslandes Saarland. In seiner 20-jährigen Amtszeit integrierte er das Saarland in das politische und wirtschaftliche Gefüge Deutschlands. So beendete eine umfangreiche Gesetzgebung auf allen Gebieten die Sonderentwicklung, die sich aus französischen Einflüssen im saarländischen Recht ergaben. In Röders Regierungszeit fiel ab er auch die Kohlekrise. Erste Gruben wurden geschlossen. Röder starb am 26. Juni 1979. Einen Tag zuvor hatte er angekündigt, 1980 nicht mehr kandidieren zu wollen.

Lebensdaten von Franz-Josef Röder:
Geboren: 22. Juli 1909, Merzig
Gestorben: 26. Juni 1979, Saarbrücken


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Wie "braun" ist die Vergangenheit des ehemaligen saarländischen Ministerpräsidenten Franz Josef Röder (1959-1979) wirklich? Darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen zwischen Vertretern des Saarländischen Landesarchivs und Autoren der „Saarbrücker Hefte“.

Biografie über Franz-Josef Röder
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Von 1959 bis 1979 lenkte Franz-Josef Röder die Regierungsgeschäfte des Saarlandes, führte das damals jüngste Bundesland durch eine bewegte Zeit. Er galt als Patriarch, aber auch als volksnah, er war streng katholisch und heimatverbunden, aber ebenso staatsmännisch im öffentlichen Auftritt. Nur einen Tag nachdem er 1979 seinen Rücktritt angekündigt hatte, starb der CDU-Politiker. Nun ist eine neue Biografie über ihn erschienen, verfasst vom Historiker und Saarbrücker Stadtarchivar Hans-Christian Herrmann.


Die literaturwissenschaftliche Perspektive:

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Vor dem Hintergrund der Debatte um die NS-Vergangenheit des ehemaligen Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder hat SR 2-Redakteurin Tilla Fuchs mit dem Literaturwissenschaftler Prof. Michael Braun u. a. über die Entwicklung der literarischen Erinnerungskultur von 1945 bis heute - und über ihre jeweiligen gesellschaftlichen Auswirkungen gesprochen.


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Ein Thema in der Sendung "BücherLese" vom 08.08.2018 auf SR 2 KulturRadio.

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