Über Wissenschaft ohne Qualitätskontrolle

Über Wissenschaft ohne Qualitätskontrolle

Ein Interview mit Niklas Resch vom SR-Rechercheteam

Kai Schmieding   19.07.2018 | 08:15 Uhr

Umfangreiche Recherchen haben ergeben: Hunderttausende Forscher weltweit haben bei Online-Verlagen publiziert, die es mit den wissenschaftlichen Qualitätsstandards alles andere als genau nehmen. Niklas Resch, Mitarbeiter im SR-Rechercheteam, erläutert im Gespräch mit SR 2-Moderator Kai Schmieding die Hintergründe und Risiken von "Fake Science".

Panorama
Reaktionen auf "Fake Science"
Nach Aussage des Saarbrücker Uni-Präsidenten Manfred Schmitt sollen Forscher bei der Veröffentlichung von Artikeln künftig besser beraten werden.

SR 2-Moderator Kai Schmieding: Die Wissenschaft ist wichtig für uns alle: Sie ist Basis für technischen Fortschritt und für medizinische Behandlungsmethoden. Außerdem sind wissenschaftliche Studien auch Basis für Gesetze. Aber es gibt ein Problem: Ein Netz dubioser Verlage weltweit rüttelt an der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. Recherchen von ARD, Süddeutscher Zeitung, an denen sich auch der SR beteiligt hat, haben ergeben: Hunderttausende Forscher weltweit sind in die Machenschaften verwickelt. Auch die Universität des Saarlandes ist betroffen. Was machen denn diese dubiosen Verlage genau?

Das SR-Rechercheteam: Niklas Resch, Caroline Uhl und Volker Roth (Foto: SR/Dieter Schmitt)
Das SR-Rechercheteam: Niklas Resch, Caroline Uhl und Volker Roth

Niklas Resch: Das Geschäftsmodell dieser scheinwissenschaftlichen Verlage, das beruht auf DER Währung der Wissenschaft, dem Publikationswesen: Wer als Forscher etwas erreichen will, der muss regelmäßig Artikel in Fachzeitschriften veröffentlichen oder seine Forschungsergebnisse auf Fachkonferenzen vorstellen. Das machen sich diese scheinwissenschaftlichen Verleger zunutze: Sie verlegen im Internet unzählige, frei-zugängliche Online-Journale und sie organisieren weltweit tausende angebliche Fachkonferenzen. Sie bieten also eine Plattform - und die Wissenschaftler müssen zahlen, um das zu nutzen. Zunächst einmal ist das nichts Ungewöhnliches, das machen andere Unternehmen auch so - zum Beispiel müssen Wissenschaftler zahlen, wenn sie einen Artikel in einem Online-Journal veröffentlichen. Aber bei diesen seriösen Anbietern gibt es eine strenge Qualitätskontrolle, eine Begutachtung durch Fachwissenschaftler. Schlechte Artikel werden abgelehnt. Bei den windigen Verlegern dagegen wird eine Kontrolle nur vorgegaukelt - sie veröffentlichen auch Quatsch. Reportern vom NDR und der Süddeutschen Zeitung ist es mehrfach gelungen, dort sinnlose Texte zu veröffentlichen - zum Beispiel "Bienenharz heilt Krebs".

SR 2: Wie ist denn rausgekommen, dass das so ein großes Problem ist?

Resch: In Wissenschaftskreisen ist die Problematik schon länger bekannt. Hochschulen haben auch schon vor diesen "Fake-Journals" gewarnt - aus ihrer Sicht sind sie wertlos und sogar gefährlich - weil sich so seriöse Wissenschaft nur noch schwer von schlechten Texten unterscheiden lässt. Und Reporter des NDR haben dann bei einer Daten-Recherche bei fünf großen Schein-Verlegern rausgefunden: Weltweit tauchen 400.000 Forscherinnen und Forscher in diesen Journalen auf, allein in Deutschland sind es mehr als 5000. Und das Problem wird größer - die Zahl der Publikationen ist in den vergangenen fünf Jahren kräftig gestiegen.

SR 2: Was habt ihr denn über die Situation im Saarland rausgefunden?

Die Universität des Saarlandes in Saarbrücken (Foto: Luftbildcentrum)
Universität des Saarlandes, Campus Dudweiler, (Pressefoto, Luftbildcentrum)

Resch: Insgesamt sind wir auf Namen von 80 Wissenschaftlern der Saar-Uni gestoßen - und zwar vom Doktoranden bis zum Klinikleiter. Mehr als die Hälfte dieser Fälle haben wir in der Medizin gefunden. Die meisten betroffenen Professoren beteuern, dass ihnen nicht klar gewesen sei, dass sie einem scheinwissenschaftlichen Unternehmen aufgesessen sind. Allerdings sagen auch alle, mit denen wir gesprochen haben: Wer ein Fachmann auf seinem Gebiet ist, der kennt seine Zeitschriften, der weiß, wo er zu publizieren hat. Warum diese Professoren dann also doch "reingefallen" sind - so nenne ich es jetzt mal, das bleibt da ein Stück weit im Unklaren.

SR 2: Für die Wissenschaft ist das ja auf jeden Fall ein Problem. Was sind denn Auswirkungen auf jeden Einzelnen von uns?

Resch: Mal ein Beispiel: Jemand hat eine Krankheit und googelt im Internet. Dort stößt er auf ein dubioses Mittelchen, das helfen soll. Es gibt eine Reihe von Studien, sogar in Fachjournalen veröffentlicht, die die Wirksamkeit belegen. Hört sich gut - er kauft das Produkt. Im besten Fall hat der Betroffene dann nur unnötig Geld ausgegeben, und das Mittel wirkt nicht. Im schlimmsten Fall geht's ihm aber schlechter, weil das Mittel unvorhergesehene Nebenwirkungen haben kann. Die Kollegen des NDR sind bei der Recherche beispielsweise auf ein zweifelhaftes Krebsmittel gestoßen, das mit Pseudostudien beworben und an Schwerkranke verkauft wurde.


Der SR 2-Fernsehtipp:

Was tut die Universität des Saarlandes gegen die scheinwissenschaftlichen Verleger? Uni-Präsident Manfred Schmitt steht dazu am 19. Juli ab 19.20 Uhr Rede und Antwort - live im aktuellen bericht des SR Fernsehens.


Hintergrund:

Wissenschaft
Dubiose Verlage unterwandern Uni-Betrieb
Ein Netz von zwielichtigen Unternehmen unterwandert die Wissenschaft weltweit: Getarnt als Zeitschriftenverlage für Forscher veröffentlichen sie Texte in Online-Journalen und halten dabei grundlegende Regeln der wissenschaftlichen Qualitätssicherung nicht ein.

ndr.de
Dossier: Fake Science - Die Lügenmacher
Es ist ein Problem in der Welt der Wissenschaft, das uns alle betrifft: In den vergangenen Jahren sind pseudowissenschaftliche Verlage stark gewachsen, in denen Studien vor der Veröffentlichung nicht auf ihre Qualität geprüft werden. Zunehmend wird so schlechte oder sogar gefälschte Forschung mit dem Anschein von Wissenschaftlichkeit versehen.

tagesschau.de
Wissenschaft auf Abwegen
Mehr als 5000 Wissenschaftler deutscher Hochschulen haben Forschungsarbeiten bei scheinwissenschaftlichen Verlagen veröffentlicht. Experten sprechen von einem "Desaster für die Wissenschaft".

Über dieses Thema wurde u. a. in der Sendung "Der Morgen" vom 19.07.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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