"Alle haben am Ende ein Problem"

"Alle haben am Ende ein Problem"

Ein Interview mit Hauptstadtkorrespondent Marcel Heberlein

Jochen Erdmenger / Onlinefassung: Rick Reitler   02.07.2018 | 08:15 Uhr

Hauptstadtkorrespondent Marcel Heberlein betrachtet die "Einigungsmöglichkeiten" zwischen Seehofer und Merkel für das am späten Nachmittag angesetzte Gespräch als "sehr, sehr begrenzt". "Ich weiß nicht, was da heute noch neu auf dem Tisch liegen soll - außer vielleicht, dass die CSU ein bisschen mehr Zeit gewinnt", so Heberleins Einschätzung im SR 2-Interview.

Am Nachmittag des 2. Juli wollen sich CSU-Innenminister Horst Seehofer und CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel um punkt 17.00 Uhr noch einmal zusammensetzen, um vielleicht doch noch eine gemeinsame Lösung in der Flüchtlingspolitik zu finden.

Einigungschance "sehr, sehr begrenzt"

Dass dies gelingt, scheint allerdings unwahrscheinlich: Seehofer stellte nach langen CSU-internen Beratungen in der Nacht zum Montag seinen Rücktritt bereits in den Raum. Auch Hauptstadtkorrespondent Marcel Heberlein betrachtet die "Einigungsmöglichkeiten" zwischen Seehofer und Merkel im SR 2-Interview als "sehr, sehr begrenzt".

Braucht die CSU mehr Zeit?

Es sei immerhin nicht das erste Mal, dass die Kanzlerin und ihr Innenminister über das Thema Asylpolitik sprächen - und bislang sei "nichts herausgekommen, zumindest nichts Befriedigendes für Horst Seehofer", so Heberlein. "Deshalb hat er gestern Abend ja auch seinen Rücktritt angeboten", erklärte Heberlein. "Ich weiß nicht, was da heute noch neu auf dem Tisch liegen soll - außer vielleicht, dass die CSU ein bisschen mehr Zeit gewinnt am Ende, sich darüber Gedanken zu machen, wer denn Horst Seehofer ersetzen kann, sowohl als Innenminister als auch als CSU-Chef."

Ein Risiko - auch für Merkel?

Wenn Seehofer tatsächlich zurücktreten würde, müsste nach Heberleins Einschätzung aber nicht nur die CSU eine Schlappe hinnehmen: "Ich glaube, alle haben am Ende ein Problem". Immerhin bestehe für die Bundeskanzlerin ja auch die Gefahr, dass nach Seehofers Rücktritt die Koalition auseinanderfallen könnte, dass die CSU-Abgeordneten im Bundestag ihr die Gefolgschaft verweigern könnten, dass die Vertrauensfrage gestellt werden könnte und dass Merkel diese verlieren könnte. "Da sind sehr, sehr viele Fragen offen für den Fall, dass es da wirklich keine Einigung gibt - heute um 17.00 Uhr".

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Morgen" vom 02.07.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.


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