"Ich denke, dass Merkel in einer Art Klemme ist"

"Ich denke, dass Merkel in einer Art Klemme ist"

Interview mit Claire Demesmay, Leiterin des Frankreich-Programms der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik

Jochen Erdmenger / Onlinefassung: Rick Reitler   13.06.2018 | 07:45 Uhr

Das gegenwärtige, von Interessenkonflikten geprägte Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich wird nicht reichen, um die vielen Probleme der EU zu lösen - davon ist Claire Demesmay von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik überzeugt. Speziell in Sachen Migrations- und Asylpolitik fehle es klar an "langfristigen Antworten", sagte Demesmay im SR 2-Interview.

Die Diskussion um die zukünftige Gestaltung Europas ist zumindest wieder in Bewegung - so könnte man die Talkshow-Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel vom vergangenen Sonntag jedenfalls interpretieren: "Ich sage nicht, dass es all das, was Emmanuel Macron sagt, nicht geben wird". Euphorische Zustimmung klingt anders, eine komplette Ablehnung allerdings auch, meint SR 2-Moderator Jochen Erdmenger. Doch welcher deutsch-französische Weg wäre am Ende wünschenswert für die EU?

"Kontrast könnte kaum größer sein"

Für Claire Demesmay, die Leiterin des Frankreich-Programms der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik steht fest: Merkel hat es bei all den unterschiedlichen Interessen und Problemen der EU-Länder sehr schwer, eine Lösung zu finden. Dies sei insbesondere zwischen Paris und Berlin der Fall. Während Macron auf Emotionalität setze, stünden bei Merkel Pragmatismus und Rationalität im Vordergund: "Der Kontrast zwischen beiden Ansätzen könnte kaum größer sein", stellte Demesmay im SR 2-Interview fest. Von daher werde der augenblickliche Status quo zwischen Deutschland und Frankreich "nicht reichen", um die Probleme der EU anzugehen. Speziell in Sachen Migrations- und Asylpolitik fehle es klar an Ideen: "Wir werden mit dieser Frage weiter konfrontiert sein, und wir haben keine langfristigen Antworten", sagte Demesmay.

Wenigstens aber gebe es jetzt zwischen Macron und Merkel "eine Basis, um Verhandlungen zu führen, um weiter zu diskutieren. Es gibt nichts schlimmeres als keine Diskussion, kein Gespräch", so die Frankreich-Expertin.

Der Veranstaltungstipp zum Thema:

Im Rahmen der Vortragsreihe "Macrons neues Frankreich" laden das Frankreichzentrum der Universität des Saarlandes und das Stadtarchiv am Donnerstag, 14. Juni, zu einem Vortrag ein. Los geht's um 18.00 Uhr im Stadtarchiv in der Deutschherrnstraße 1. Der Eintritt ist frei.

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Der Morgen" vom 13.06.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.


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