Ortskern von Wadgassen (Foto: SR Fernsehen)

"Es ist wichtig, die Gemeinschaft mitzunehmen"

Ein Interview mit Prof. Dr. Eve Hartnack, Architektin an der htw saar, zur ARD Themenwoche 2021: "Stadt. Land. Wandel. Wo ist die Zukunft zu Hause?"

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   12.11.2021 | 06:30 Uhr

Die Saarbrücker Architektin Prof. Eve Hartnack wird häufig beauftragt, einen Dorfkern umzugestalten - gerade, wenn althergebrachte Treffpunkte weggefallen sind. Im SR-Interview erläutert sie ihren Ansatz, bei dem die Bürgerbeteiligung eine zentrale Rolle spielt.

Landschaften, Städte und Dörfer unterliegen einem meist langsamen, aber stetigen Wandel. Um beispielsweise einen Ortskern umzugestalten, ist allerdings Expertenwissen gefragt - wie etwa das von der Saarbrücker Architektin Professorin Dr. Eve Hartnack. 

"An uns wenden sich vielleicht Ortsvorsteher, Dorfgemeinschaften; vielfach sind es Dörfer, die eine funktionierende Struktur haben, aber keine gute Einrichtung ihrer Dorfmitte", erklärte Hartnack im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger. "Alleine der schöne Ausblick aus dem Neubauhaus in die Landschaft tut's ja auch nicht", ist Hartnack überzeugt.

Herausforderungen

Im Interview: Prof. Dr. Eve Hartnack
Audio [SR 2, Jochen Erdmenger / 12.11.2021, Länge: 07:34 Min.]
Im Interview: Prof. Dr. Eve Hartnack

Häufig aber herrsche im Dorfzentrum Platzmangel, und die Gemeinschaftshäuser lägen immer etwas außerhalb. "Es geht häufig irgendwie darum, wie man eigentlich sozusagen 'neue Orte' für die Dorfgemeinschaft schaffen kann", sagte Hartnack. Dazu seien häufig jene Plätze zu ersetzen, an denen sich die Menschen früher im Alltag getroffen hätten, die auf dem Dorf aber heute immer rarer geworden seien - etwa die zentrale Bäckerei oder die Praxis des Arztes.

Um finanziell überleben zu können, müssten ähnliche Treffpunkte - wie etwa ein Café - ihrer Erfahrung nach am besten "an Wohnprojekte angegliedert" und von den Bürgerinnen und Bürgern mit organisiert sein, gab Hartnack zu bedenken. Für junge Leute böten sich Orte im Freien an, denn bei ihnen gehe es auch um Sehen und Gesehenwerden. "Auch diese Plätze gibt es ja nicht in den Dörfern."

Bürgerbeteiligung wichtig

Bei ihren Planungen lege sie großen Wert auf die Beteiligung der Dorfgemeinschaft, die von "engagierten Menschen" vor Ort organisiert werde. Daraufhin gebe es "ein Zusammentreffen zwischen Bürgergruppen und Studierenden", nach dem ihre Studierenden auf Basis der Bürgerwünsche die ersten städtebaulichen Konzepte entwickeln würden. "Und mit diesen Modellen gehen wir wieder ins Dorf und besprechen die wieder", erklärte Hartnack.

Mehr Identifikation schaffen

Sie selbst übernehme dabei die Rolle der fachlichen Moderatorin des Planungsprozesses. "Wir kümmern uns sehr stark um den soziokulturellen Inhalt des Dorfes - das, was eigentlich wirklich das Leben ausmacht", sagte Hartnack. Am Ende gehe es bei diesem Ansatz stets darum, mehr "Identifikation" zu schaffen, indem die Menschen vor Ort an der Konzeption vom Umgestaltungsmaßnahmen beteiligt würden: "Es ist wichtig, die Gemeinschaft mitzunehmen".

Keine Berührungsängste

Ihrer Erfahrung nach hätten die Bürgerinnen und Bürger im Übrigen auch "gar keine Angst", mit den Studierenden in den Austausch zu treten. "Das ist irgendwie 'ne sehr gute Basis, weil wir dann wirklich Dinge ausprobieren können".

Das Leben im Dorf hält sie auch 2021 keineswegs für passé: "Wenn wir die Dörfer unterstützen da drin, quasi ihre eigene Qualitäten des Lebens zu erhalten, dann hat das Zukunft".


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 12.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt den Ortskern von Wadgassen (Archivfoto: SR Fernsehen).

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