Bauland in einer ländlichen Region des Saarlandes (Foto: SR)

"Die Zukunft liegt sowohl in der Stadt als auch auf dem Land"

Ein Interview mit Manuel Slupina, Wüstenrot Stiftung, zur ARD Themenwoche 2021: "Stadt. Land. Wandel. Wo ist die Zukunft zu Hause?"

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   10.11.2021 | 07:00 Uhr

Manuel Slupina, der Leiter des Themengebiets Stadt & Land bei der Wüstenrot Stiftung Ludwigsburg, ist sich nicht sicher, ob in Deutschland die Städte oder doch die ländlichen Räume einen Aufschwung erleben werden. Nicht nur das Alter und die Infrastruktur, sondern auch das Menschliche spiele offensichtlich eine gewisse Rolle. Ein Interview.

Deutschland besteht etwa zu 60 Prozent aus ländlichem Raum. Ob der irgendwann wieder vermehrt zum Sehnsuchts- und Wohnort wird oder ob es doch eher mit der seit Jahren andauernden Landflucht weiter geht, ist für Manuel Slupina, den Leiter des Themengebiets Stadt & Land bei der Wüstenrot Stiftung in Ludwigsburg, noch nicht absehbar.

"Es gibt natürlich ländliche Regionen, die in den letzten Jahren vor allem junge Leute verloren haben, aber es gibt auch welche, die wirtschaftlich sehr gut aufgestellt sind", stellte Slupina im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger fest. Das gleiche Phänomen beobachte man umgekehrt auch bei den Städten.

Auch das Alter spielt eine Rolle

Stadt oder Land?
Audio [SR 2, Jochen Erdmenger / Manuel Slupina, 10.11.2021, Länge: 07:51 Min.]
Stadt oder Land?

Beobachtbar seien jedenfalls altersabhängige Vorlieben: Während es junge Leute zwischen 18 und 24 Jahren meist für Studium oder Ausbildung in die Städte ziehe, bevorzugten die "Familienwanderer" ab ca. 30 Jahren vielfach das Leben im ländlichen Raum. Ein Leben auf dem Dorf sei für sie auch im Zuge der Corona-Politik leichter geworden, weil viele Unternehmen nicht mehr darauf bestünden, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich ins Büro kommen müssten.

"Das hat auf einmal dazu geführt, dass dann natürlich auch Regionen wieder interessant werden, die etwas weiter weg liegen", sagte Slupina. Immerhin seien inzwischen auch "ländliche Coworking-Spaces, neue digitale Wohn- und Arbeitsformen auf dem Land" entstanden - ganz abgesehen von den ländlichen Regionen, in denen ohnehin ein starker Mittelstand mit vielen Arbeitsplätzen existiere.

Ländlich, aber innovativ

Selbst manche Gegenden der Peripherie, die jahrelang unter Leerstand und der Abwanderung vor allem junger Menschen gelitten hätten, könnten heute durchaus "innovativ" sein. Dabei spiele auch die Digitalisierung eine Rolle. Zudem schätzten wohl manche Leute Orte, in denen man gleichermaßen Arbeiten und Urlaub machen könne. "Da muss man jetzt mal abwarten, was da alles passiert und wie das auch wieder die Attraktivität auch dieser entlegenen Regionen stärken kann", sagte Slupina.

Menschen können den Unterschied machen

Bei einer Entscheidung pro Landleben spielten viele, auch "klassische Faktoren" eine Rolle: das Arbeitsplatzangebot, die Entfernung zur nächsten Metropole und die infrastrukturelle Anbindung bzw. Ausstalltung vor Ort.

Es gebe aber auch Dörfer, die in dieser Hinsicht nicht so gut ausgestattet seien und trotzdem wüchsen: "Da sehen wir - und das ließ sich auch durch Studien bestätigen - dass es dann häufig die Menschen vor Ort sind, die den Unterschied machen", erklärte Slupina. "Da ist 'ne lebendige Dorfgemeinschaft, die sich stark engagiert, die Initiativen gründet, die Versorgungslücken schließt und die dann auch die Potenziale erkennt für ihre Region und für ihren Ort und diese Potenziale halt hebt", beschrieb Slupina die Attraktivität jener Orte. Ein Beispiel für Letzteres sei das Emsland im Westen Niedersachsens.

Übergeordnete Politik gefragt

"Die ländlichen Regionen brauchen natürlich auch die Ressourcen und auch die richtige Unterstützung, damit sie ihre Ideen und das, was sie machen wollen, auch umsetzen können", räumte Slupina ein. Hier sei die "übergeordnete Politik auf Landes- und Bundesbene" gefragt, um die "richtigen Förderprogramme und die Instrumente" zur Verfügung zu stellen - und das möglichst unbürokratisch. "Da fehlt es noch an einigen Stellen", kritisierte Slupina.


Der SR 2-VideoTipp:

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Ein Dokumentarfilm von David Holland (ARD-Mediathek)


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 10.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Bauland in einer ländlichen Kommune im Saarland (Archivfoto: SR Fernsehen).

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