Zerrissene Gesellschaft: Der Libanon ein Jahr danach

Der Libanon ein Jahr danach - eine zerrissene Gesellschaft

Ein Interview mit Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo, über die Lage im Libanon ein Jahr nach der Explosionskatastrophe von Beirut

Holger Büchner. Onlinefassung: Rick Reitler   04.08.2021 | 07:45 Uhr

Auch ein Jahr nach der Explosionskatastrophe von Beirut hat sich in der Stadt und im ganzen Libanon wenig geändert, erklärte Kairo-Korrespondent Björn Blaschke im SR-Interview: Hafen und Häuser seien noch immer gezeichnet, niemand wolle die Verantwortung übernehmen, und die Gesellschaft sei nach wie vor tief gespalten.

Vor genau einem Jahr, am 4. August 2020, hatte sich kurz vor 18 Uhr im Hafen von Beirut eine gewaltige Explosion ereignet: Mehr als 200 Tote und 6000 Verletzte waren zu beklagen, ganze Stadtviertel wurden massiv zerstört. Auslöser soll ein Brand in einem Lagerhaus gewesen sein, in dem 2700 Tonnen Ammoniumnitrat ohne adäquate Sicherheitsmaßnahmen jahrelang eingelagert waren - und das offenbar mit dem Wissen von Regierungsmitgliedern.

Verschleierungstaktik statt Aufklärung

Doch auch zwölf Monate nach der Katastrophe will niemand die Verantwortung übernehmen: "Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus", sagte Kairo-Korrespondent Björn Blaschke im Gespräch mit SR-Moderator Holger Büchner. "Sehr viele politische Akteure" weigerten sich bis heute, den richterlich angeordneten Ermittlungen nachzugehen. Ein Ermittlungsrichter sei deshalb schon zurückgetreten. Nach den Worten des Präsidenten der Anwaltskammer von Beirut werde von politischer Seite eine "Verschleierungstaktik" an den Tag gelegt.

Aus kriminalistischer Sicht sei man aber durchaus weiter gekommen: Es existierten bereits "Zwischenberichte" des FBI. An einem Abschlussbericht aber seien die libanesischen Politiker wenig interessiert, so Blaschke.

"Im Großen und Ganzen nichts passiert"

Im Hafen selbst und in den angrenzenden Wohnvierteln habe sich außer einer Räumung der Straßen vom Explosionsschutt bislang wenig getan: "Da ist nichts passiert im Großen und Ganzen. Man wartet darauf, dass das alles weggekarrt wird", so Blaschke. 300.000 Menschen könnten nicht zurück in ihre noch immer zerstörten Wohnungen und Häuser. Sie lebten bei Freunden oder Bekannten oder hätten sich neue Wohnungen gemietet, sagte Blaschke.

Ein Land zwischen Armut und Partylaune

All das habe mit "einem großen Finanzmangel" und der Wirtschaftskrise im Libanon zu tun: In dem Nahost-Staat lebe mittlerweile die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, sieben Prozent sei auf Lebensmittelspenden angewiesen, viele klagten über Depressionen. Auf der anderen Seite gelte Beirut immer noch als Partystadt: "Die Menschen sind unterwegs wie ehedem".

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In Beirut mussten viele Läden, Bars und Restaurants inzwischen schließen, der Strom ist knapp und am Abend versinkt das Stadt in Dunkelheit, sagte Augenzeuge Kristof Kleemann von der Friedrich-Naumann-Stiftung in Beirut im Gespräch mit SR-Moderatorin Yvonne Schleinhege. Vor der Katastrophe habe die Gegend um das Hafenviertel "das Herz der Stadt ausgemacht". Die politische Klasse des Libanon blockiere bis heute jede Art der Rechenschaft und beschütze sich gegenseitig, so Kleemann.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 04.08.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt ein Denkmal mit dem Symbol der Gerechtigkeit vor den hoch aufragenden Getreidesilos im Hafen von Beirut (Foto: picture alliance/dpa/AP | Hussein Malla).

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