Wie die "innere Uhr" unsere Gesundheit beeinflusst

Wie die "innere Uhr" unsere Gesundheit beeinflusst

Ein Gespräch mit dem Berliner Chronomediziner Dr. Dieter Kunz

Gabi Szarvas. Onlinefassung: Rick Reitler   28.04.2021 | 15:40 Uhr

Um Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu erhalten, ist nicht nur genügend Schlaf, sondern auch der richtige Zeitpunkt zum Aufstehen, zum Arbeiten und zum Ruhen wichtig, meint der Berliner Chronomediziner Dr. Dieter Kunz. Ein Interview zum "Tag der inneren Uhr".

Wer ein bisschen aufmerksamer in sich hineinhorcht, kann sie ticken hören, die innere Uhr: Beim Morgengrauen fühlt man sich meist etwas träge, tagsüber wechseln sich Phasen der Leistungsfähigkeit mit müden Augenblicken ab, und je weiter es Richtung Nacht geht, stimmt sich der Organismus langsam wieder auf den Schlaf ein. Dieser Rhythmus wird von biochemischen Vorgängen im Körper begleitet. "Chronobiologie" heißt der Wissenschaftszweig.

Der Körper - ein Gesamtkunstwerk

"Es gibt keine Zelle im menschlichen Körper, die nicht eine eigene innere Uhr hat", bestätigte Dr. Dieter Kunz, Chefarzt der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin am St. Hedwigs Krankenhaus in Berlin, im Gespräch mit SR-Moderatorin Gabi Szarvas. "Das Entscheidende ist, dass die alle schön koordiniert sind, damit jeder weiß, was er zu welchem Zeitpunkt tut, damit das Gesamtkunstwerk menschlicher Körper über 24 Stunden wunderbar funktioniert".

Innere Uhr ernst nehmen

Wenn wir in "ein solches Schweizer Uhrwerk Sand reinschmeißen, dann knirscht es hier und dann knirscht es da, und irgendwann geht die Sollbruchstelle des individuellen Körpers kaputt", erklärte Kunz. Normalerweise reagiere der Mensch dann mit Symptomen wie Kopfschmerz, Schwindel, schlechtem Schlaf oder Müdigkeit. "Wenn das stärker ausgeprägt ist, dann kommen irgendwann Leistungseinbußen", sagte Kunz, "und irgendwann kommen dann Krankheiten". Diese könnten individuell sehr unterschiedlich sein: Manche Menschen bekämen von der Schichtarbeit Brustkrebs, andere Depressionen.

Licht und Farbspektrum entscheidend

Unter den Milliarden von Körperzellen aber gebe es eine "Master-Clock" namens "Nucleus suprachiasmaticus", eine kleine Stelle im Gehirn, die auf Basis des Lichtes den Hauptrhythmus vorgebe. Denn das Licht sei bei alldem der entscheidende Faktor: "Wir werden getaktet, und zwar ganz ausschließlich durch Licht und Dunkelheit, durch fast nichts anderes", erklärte Kunz. Dabei spiele allerdings auch das Farbspektrum eine Rolle. Per LED-Licht seien die entsprechenden Lichtfarben "viel besser künstlich herstellbar" als in früheren Zeiten.

Kein Unterricht vor 8.00 Uhr!

Um gesund und leistungsfähig zu bleiben, sei nicht nur genügend Schlaf wichtig, sondern auch die Wahl der richtigen Zeitpunkte zum Aufstehen, Arbeiten oder Ruhen. Eine groß angelegte Studie mit Schülerinnen und Schülern in Minneapolis habe beispielsweise gezeigt, dass ein Schulbeginn vor 8.00 Uhr morgens "keinen Sinn" mache. "Wenn wir um 7.00 Uhr im Winter zur Schule müssen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Kinder erstens nicht funktionieren und zweitens, wenn sie irgendwann krank werden", mahnte Kunz.


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Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 28.04.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt einen Nachttisch-Wecker (Foto: SR Fernsehen)

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