Micha Weber am Fenster seiner Brasserie (Foto: Victor van der Saar)

Zum Tod von Brasserie-Wirt Micha Weber

Der Saarbrücker Gastronom und Frankreich-Experte Micha Weber ist tot - ein Nachruf

Tilla Fuchs   22.01.2021 | 07:20 Uhr

Er war Gastronom mit Leib und Seele und ein großer Verfechter der deutsch-französischen Freundschaft obendrein: Michael "Micha" Weber, der Wirt der Saarbrücker Kultkneipe "Brasserie", lebt nicht mehr. Ein Nachruf von Tilla Fuchs.

Mais alors, Micha, einfach so zu gehen, im Januar. Die Türen der Brasserie sind schon eine Weile geschlossen. Wegen der Pandemie. Und es ist lange her, dass ich zuletzt bei Dir war.

In der Erinnerung stützt Du wie immer die großen Hände auf den Tresen – natürlich made in France - redest mit den Stammkunden, die an den Barhockern kleben. Seit Jahrzehnten dieselben Gesichter. Aber auch Jüngere kommen dazu.

Es gibt Rock und Ricard, Chansons und leider auch Chartreuse. An den Wänden wechselnde Bilder, Fotos und Objekte, Frankreich das Leitmotiv: Brel, Brassens und Ferré bei Radio France, eine verwaschene Trikolore, Motorräder und überall Deine Trophäen: "gefundene" Straßenschilder französischer Gemeinden, Flüsse, Städte. Mittendrin der Billardtisch, den Du damals, beim großen Hochwasser 1993 aufgebockt hattest, bevor dann doch die ganze Kneipe abgesoffen ist und Schlauchboote über den St. Johanner Markt fuhren. Alles entlang der Saar stand unter Wasser, auch die Grenze, das war das Gute daran, meintest Du.

Das Plakat vom Cirque Aligre war mehr als nur Dekor: Du hast die französischen Zirkuskünstler auf einem deiner zahlreichen Streifzüge durchs Nachbarland beim Theaterfestival in Avignon gesehen und 1981 nach Saarbrücken eingeladen, sogar gewohnt haben sie bei Dir.

Savoir vivre hieß für Dich, die Türen weit zu öffnen. Als Schüler in den Neunzigern machten uns Deine Spaghetti satt, die Du, in der winzigen Küche hinten in der Brass in riesigen Mengen gekocht hast. Dazu Amer oder Pelforth. Das erste kleine Bier bei Dir kostete noch eine Mark, le galopin.

Die Freundschaft zu Frankreich war Dir nicht bloßes Symbol und die geschlossenen Grenzen kürzlich haben Dich sicher in Rage gebracht. Denn für Dich war Saarbrücken eine deutsch-französische Stadt, das Saarland eine deutsch-französische Region, darauf warst Du stolz. Und wir mit Dir: Auf unseren Motorrollern klebte der Sarre-Aufkleber, den man in der Brass kaufen konnte und dass viele von uns später nach Frankreich gingen und ich einige Zeit sogar – durch Zufall – in derselben Wohnung im 11. Pariser Arrondissement gewohnt habe wie Du Jahrzehnte zuvor.

Du hast mir in der Brass zwischen zwei Ricards erklärt, wie man durchs Dachfenster nach draußen klettern kann, damit einem von da oben Paris zu Füßen liegt – dass wir also nach dem Abi rübergemacht haben nach Frankreich, war auch Dir zu verdanken.

Bei jedem Besuch an der Saar führte der Weg zu Dir, oft mit Freunden aus der Capitale, aus Bordeaux, Strasbourg und Toulouse, die überrascht waren, wie Französisch es an der Saar zuging. Dass Du die exception culturelle warst, musste ja niemand wissen…

Et maintenant, Micha? Einfach so zu gehen, im Januar. Und wer weiß, ob die Türen der Brasserie noch einmal aufgehen. Und wenn, dann wirst Du nicht mehr Deine Hände auf den Tresen stützen.

Mais alors, Micha, une chose est certaine: Für so viele Menschen diesseits und jenseits der Grenze bleibst Du unvergessen, weil Du gezeigt hast, dass es keine Grenzen geben sollte zwischen Ländern - oder Menschen. Merci, Micha.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 22.01.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Micha Weber (Foto: Victor van der Saar).

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