Welt-AIDS-Tag: Im Schatten der Corona-Pandemie

Frank Kreutzer: "Diskriminierung und Ausgrenzung aufgrund von Vorurteilen"

Welt-AIDS-Tag

Jochen Marmit; Onlinefassung: Laszlo Mura   01.12.2020 | 09:00 Uhr

In den letzten Monaten hat die Coronapandemie so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wie kein anderes Thema in den letzten Jahrzehnten. Doch es gibt auch andere Viren, die unzählige Menschenleben kosten, in der öffentlichen Wahrnehmung aber von Covid-19 verdrängt werden. In den vergangenen 30 Jahren etwa sind ca. 35 Millionen Menschen an Aids verstorben. Am Welt-AIDS-Tag hat SR 2-Moderator Jochen Marmit mit Frank Kreutzer von der Aids-Hilfe Saar gesprochen.

SR 2: Herr Kreutzer, wie leben Menschen heute mit HIV?

Frank Kreutzer: Das hängt ein Stück weit davon ab, wo sie leben. Bei uns in Deutschland ist es so, dass wenn man rechtzeitig diagnostiziert wird, gute Chancen hat, auf eine normale Lebenserwartung. Man kann jeden Job machen. Man kann seinen Hobbys nachgehen, ist nach wie vor leistungsfähig. Wir wissen auch, dass bei Menschen mit einer HIV-Therapie das Virus gar nicht mehr übertragen werden kann. In Deutschland kann man ein fast normales Leben führen.

Frank Kreutzer, Aids-Hilfe Saar (Foto: Privatfoto)
Frank Kreutzer, Aids-Hilfe Saar

Weltweit ist es natürlich anders. Wir haben weltweit die Situation, dass nur 67 Prozent der Menschen, die HIV haben, auch Zugang zu Medikamenten haben. Die Medikamente sind natürlich der Grund, warum Menschen mit HIV in Deutschland ganz normal leben können.

SR 2: Worunter haben denn HIV-Positive heute trotzdem noch zu leiden?

Frank Kreutzer: Medizinisch haben wir es gut im Griff. Das Hauptproblem, womit sich Menschen mit HIV auseinandersetzen müssen, ist Diskriminierung und Ausgrenzung. [...] Das geschieht zum Teil aufgrund von Vorurteilen, zum Teil wegen Unwissenheit. Es gab gerade wieder eine Umfrage, wo man Menschen mit HIV befragt hat und da haben 75 Prozent gesagt, dass sie sich nicht trauen, ihre Infektion außerhalb des engen sozialen Umfeldes zu offenbaren. 52 Prozent sehen ihr Leben durch Vorurteile deutlich eingeschränkt. Mehr als die Hälfte hat zum Beispiel auch im Gesundheitswesen im letzten Jahr eine diskriminierende Erfahrung gemacht.

SR 2: Wie wirkt sich Corona denn nun auf das aus, was HIV-Positive brauchen?

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Frank Kreutzer: Am Anfang war die Verunsicherung groß. Die Ängste waren groß. Es gab Lockdowns in anderen Ländern. Da hatten Menschen mit HIV die Befürchtung, dass Medikamente vielleicht nicht mehr verfügbar wären. Das hat sich jetzt so nicht bewahrheitet. Es gab natürlich, wie bei vielen anderen auch, am Anfang eine gewisse Zurückhaltung, was Arztbesuche angeht. Aber das hat sich jetzt ein Stück weit eingependelt.

Was Corona natürlich bestärkt hat, ist das, was uns alle betrifft: Wir haben viele Menschen, die wenige soziale Kontakte haben, die sozial isoliert sind [...]. Das muss durch die Kontaktbeschränkung ja jeder täglich erleben.

SR 2: Gibt es denn auch ein höheres Risiko, an Covid-19 zu erkranken als HIV-positiv Getesteter?

Frank Kreutzer: Nach dem, was wir wissen, nicht. Wir haben natürlich Menschen gehabt, die relativ spät diagnostiziert wurden, die ein eingeschränktes Immunsystem haben. Die müssen aufpassen. Da sind wir auch im ersten Lockdown zum Beispiel für diese Menschen einkaufen gegangen, weil kaum Masken verfügbar waren, um sie einfach zu schützen. Wenn das Immunsystem stabil ist, die Medikamente genommen werden, gibt es nach jetzigem Wissensstand kein erhöhtes Risiko.

SR 2: Jetzt können wir in der Corona-Pandemie bestimmt auch von Menschen lernen, die mit HIV leben müssen, oder?

Frank Kreutzer: Es ist ein bisschen schwierig, das zu vergleichen. Zunächst mal muss man sagen, dass Menschen mit HIV ganz unterschiedlich auf diese Auswirkungen der Pandemie reagiert haben, wie alle anderen auch. Was Menschen mit HIV sicherlich gelernt haben, ist es, ein Virus in ihr Leben zu integrieren. Nach dem, was wir heute wissen, bekommt man das Virus nicht mehr los. Das heißt, die haben schon gelernt, mit einem Virus zu leben. Das ist eine Herausforderung, die wir alle sicherlich auch haben, Corona wird uns viele Jahre noch betreffen.

Was man von Menschen mit HIV lernen kann ist, dass sie gelernt haben, das Beste aus der akutellen Situation zu machen. Eine Hoffnung von mir ist, dass Corona vielleicht dazu führt, dass es ein größeres Verständnis für Menschen mit HIV gibt - weil wir alle selbst erleben, was es für Auswirkungen hat, wenn wir soziale Kontakte weiter einschränken. [...]

Aus dem Archiv:

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 01.12.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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