Ein Jahr Anti-Regierungsproteste im Libanon

"Leute bereit, sich abzuwenden"

Ein Gespräch mit dem dem Nah-Ost-Experten Robert Chatterjee über die Entwicklung im Libanon - ein Jahr nach den Protesten gegen die Regierung

Florian Mayer. Onlinefassung: Laszlo Mura   16.10.2020 | 12:45 Uhr

Am 17. Oktober 2019 hatte es im Libanon erhebliche Proteste gegen die Regierung gegeben. Wirtschaftskrise, Inflation, Mängel bei der Versorgung mit Waren und Strom sowie korrupte Staatsvertreter waren dem Aufstand vorangegangen. Wie steht es aktuell um den Libanon? Ein Interview mit Nahost-Experte Robert Chatterjee.

Die überwiegende Gefühlslage der LibanesInnen sei auch ein Jahr nach den Protesten immer noch Wut, beobachet der Nah-Ost-Experte und stellvertretenden Chefredatkeur des Zenith-Magazins, Robert Chatterjee. Die Corona-Pandemie, der Verfall der Währung und auch die große Explosion im Hafen von Beirut stellten das Volk vor existenzielle Nöte. "Da ist es natürlich schwer, den Fokus des Aktivismus auf politische Reformen zu lenken", sagte Chatterjee.

In bestimmten Bereichen habe sich diese Energie auch in eine positive Richtung gebündelt, vor allem an den doch sehr rennomierten Universitäten des Landes, berichtet Chatterjee. So hätten sich neue Programme gebildet, vor allem in der Stadtplanung oder auch im Bereich der Wahlrechtsreform.

Nach wie vor Spannungen

Das Land befinde sich aber nach wie vor in einer Situation, in der viele der großen Pateien Milizen seien oder zumindest Milizenverbände unterhielten. Die Hisbollah sei da nur ein Beispiel von vielen, "aber mit Sicherheit die wichtigste und stärkste militärische Kraft", so Chatterjee. Sie sei aber auch kein rein ideoligischer Akteur mehr, sondern führe seit Jahrzehnten parallel "auch ganz pragmatisch" politische Verhandlungen, aktuell auch mit Israel über den Grenzverlauf.

Versorgung mangelhaft

Trotzdem könne man beobachten, dass die auswärtige Unterstützung für Hisbollah und andere Milizen abnähme. Auch deshalb könne man sehen, dass die Versorgungssysteme, die die Parteimilizen parallel zum Staat aufgebaut hätten, nicht mehr das leisten könnten, was sie früher leisteten und "deswegen auch mehr Leute dazu bereit sind, sich von ihnen abzuwenden", stellte Chatterjee fest.

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 16.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt ein Foto der die einige Demonstanten, die am 17. Oktober 2019 gegen die Regierung auf die Straße gingen. (Foto: dpa).

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