Die Corona-App im Selbstversuch

Die Corona-App im Selbstversuch

Ein Gespräch mit SR-Netzreporter Robert Hecklau

Jochen Erdmenger   16.06.2020 | 08:45 Uhr

Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines morgens auf und schauen auf Ihr Handy und dann steht da eine Corona-Warnung - weil Sie einen Risiko-Kontakt hatten. So in etwa soll das zukünftig funktionieren, mit der neuen Corona-App, die jetzt verfügbar ist. SR-Netzreporter Robert Hecklau hat die App schon ausprobiert und berichtet im Gespräch mit Jochen Erdmenger von seinen Erfahrungen.

Jochen Erdmenger: Wir stellen uns das mal kurz vor: Wir schauen wie jeden Morgen kurz aufs Handy. Und dann steht da plötzlich: "Corona-Warnung! Sie hatten einen Risiko-Kontakt. Bitte kontaktieren Sie einen Arzt!" So soll das zukünftig funktionieren, mit der neuen Corona-App. Die geht heute an den Start - unser Netzreporter Robert Hecklau hat die App schon ausprobiert. Robert, spielen wir das mal durch, ich habe die App auf dem Handy installiert, wie geht's dann weiter?

Was man über die Corona-App wissen muss
Audio [SR 1, Christian Balser, Dominik Lauck, 15.06.2020, Länge: 07:17 Min.]
Was man über die Corona-App wissen muss
Die offizielle Corona-Warn-App des Bundes ist ab heute freigeschaltet und kann in den Stores von Apple und Google heruntergeladen werden. Die Nutzung ist jedoch freiwillig. SR1-Reporter Dominik Lauck verrät, in welchen Fällen die App nicht funktioniert wie sie soll und wie die App mit dem Datenschutz umgeht.

Robert Hecklau: Beim Starten bekommt man erstmal einen grünen Bildschirm anagezeigt: da steht dann im Idealfall "Niedriges Risiko". Bisher gab's keine Risiko-Begegnung. Und dann siehst du noch, wie viele Tage die App schon aktiv ist. 14 Tage werden die Daten gespeichert.

Erdmenger: Mal angenommen, der Start-Bildschirm zeigt mir plötzlich: "Hohes Risiko!" Was ist dann genau passiert?

Hecklau: Dann hattest du vermutlich in den letzten 14 Tagen Kontakt zu einer Person, die in ihre App eingegeben hat: "Ich habe mich mit dem Corona-Virus infiziert". Die App berechnet den individuellen Risikowert anhand von vier Faktoren: Vor wie vielen Tagen war der Kontakt? Wie lange hat er gedauert, wie nah seid ihr euch gekommen. Und wie hoch war der Ansteckungsfaktor? Den legt ein Arzt fest. Ein Algorithmus errechnet dann den individuellen Risikowert und wird die anzeigen: Niedriges, mittlerweise, oder eben sehr hohes Ansteckungsrisiko.

Erdmenger: Muss ich mich dann direkt in Quarantäne begeben, wenn so etwas passiert?

Hecklau: Nein. Man sollte allerdings direkt bei seinem Hausarzt anrufen und die weitere Vorgehensweise besprechen. Man erfährt über diese App auch gar nicht den genauen Risikokontakt, sondern nur, an welchem Tag er stattgefunden hat. Also beispielsweise: Am Dienstag gab's einen Risikokontakt. Mit seinem Arzt kann man dann alles weitere besprechen.

Erdmenger: Die App funktioniert ja über Bluetooth, darüber wurde in den letzten Monaten schon viel geredet, wie zuverlässig ist das, was glaubst du?

Hecklau: Naja das ist jetzt die große Frage, die Methode ist einfach noch NIE ausprobiert worden für Abstandsmessungen. Bisher wird Bluetooth ja zum Beispiel verwendet, um Kopfhörer mit dem Handy zu verbinden. Jetzt wird Bluetooth eben genutzt, um zu testen, welche anderen Handys in der Nähe sind. Das ganze wird nicht permanent gemacht, sondern nur alle fünf Minuten. Aber das kann natürlich auch sehr ungenau werden. Wenn ich zum Beispiel an der Ampel stehe und neben mir hält ein anderes Auto - dann wird die App das vermutlich ebenfalls als Kontakt zählen. Naja und für mich das größte Problem: Genug Leute müssen mitmachen, damit's funktioniert. Aktuell sind viele Menschen ja wirklich skeptisch, nur knapp die Hälfte der Deutschen ist grundsätzlich bereit, sich die App zu installieren.

Erdmenger: Und dabei tummeln sich in unseren App-Stores ja gerade sehr viele Corona-Apps. Man könnte meinen, die App-Entwickler sind auf den Geschmack gekommen?

Hecklau: Ja, weil die Leute aber auch einfach gerade viel nach dem Wort "Corona" suchen. Das zeigt sich natürlich auch in den Downloadcharts. Auf Platz 10 bei Apple zum Beispiel gerade die "Covid-19 Patienten App", mit der man in Echtzeit über seinen Befund informiert werden kann. Allerdings funktioniert das laut den vielen eher negativen Bewertungen nicht so wirklich zuverlässig. Eine weitere Covid-19 App habe ich auf Platz 23 im App Store gefunden, sie kommt von Medizinern aus Tschechien. Die App bündelt aktuelle Statistiken zur Verbreitung von Corona und macht auch Vorhersagen über künftige Verläufe. Eine sehr spannende App kommt vom Robert Koch Institut, die Datenspende. Die nutze ich seit drei Monaten.

Erdmenger: Diese App ist ja aber umstritten wegen mangelnder Transpraenz und wegen schlechtem Datenschutz...

Hecklau: Ja, und einen großen Mehrwert hatte die App bisher leider noch nicht. Aber die Idee dahinter ist spannend: Menschen können die Puls-Daten ihrer Fitness-Tracker zur Verfügung stellen. Das heißt die App sieht, wie viel sich ihre Benutzer bewegen und wie hoch ihr Puls dabei ist. Dadurch soll dann ein Algorithmus entstehen, der direkt registriert, wenn in einer bestimmten Region der Puls steigt. Das wäre dann zum Beispiel ein Indiz dafür, dass dort viele Menschen Fieber bekommen haben - und das würde auf einen Corona-Ausbruch hinweisen. Das ist zumindest theoretisch der Plan, praktisch funktioniert das noch nicht.


Hintergrund:

Tracing per Bluetooth
Corona-Warn-App zum Download bereit
Die offizielle deutsche Warn-App für den Kampf gegen das Coronavirus ist nun verfügbar. Sie soll das Nachverfolgen von Infektionen erleichtern. Das Herunterladen ist freiwillig.

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 16.06.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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