Transidentitätsexperte: "Das sucht sich niemand aus"

"Das sucht sich niemand aus"

Ein Gespräch mit dem Transidentitätsexperten Thomas Lehmann, Kinderpsychologe an der Kinderklinik Neunkirchen-Kohlhof

Kai Schmieding. Onlinefassung: Rick Reitler  

Hinter dem Wunsch, eine andere geschlechtliche Identität anzunehmen als die biologische, steht immer das Ziel, Leid zu verringern, sagt der Kinderpsychologe Thomas Lehmann. Auch die soziale Akzpetanz spiele eine Rolle. Das binäre Verständnis von Geschlecht genüge heute jedenfalls nicht mehr. Ein Interview.

Immer häufiger findet sich bei Stellenangeboten nicht nur das Kürzel m für männlich und w für weiblich, sondern auch noch d für divers. Was aber ist ein diverses Geschlecht? Welche Personen sind damit gemeint? Wie viele gibt es, die sich selbst als "divers" verstehen?

Der junge Transmann Lukas (Foto: SR Fernsehen / ab)
Der junge Transmann Lukas

Ca. ein Prozent betroffen

Wenn die Forschung überhaupt Zahlen nennen könne, gehe sie momentan von "ungefähr einem Prozent transidenter Kinder und Jugendlicher" aus, "die sich in Selbst- und Fremdeinschätzung als Transgender" bezeichneten, sagte Thomas Lehmann, Diplom-Psychologe und Transidentität-Experte von der Kinderklinik in Neunkirchen-Kohlhof, im Gespräch mit SR-Moderator Kai Schmieding. "Das sucht sich niemand aus".

"Abhängig von sozialer Akzeptanz"

Bei dem Wunsch, eine andere geschlechtliche Identität anzunehmen als die biologische, spiele womöglich eine Rolle, dass das "männlich-burschikose" Auftreten schon im Kindergarten "sozial besser akzeptiert" sei. Das deute darauf hin, dass die Situation "hochgradig abhängig von sozialer Akzeptanz" sei. Das oberste Ziel bei einem Identitätswechsel sei immer, "das Leid zu verringern".

Unsere Gesellschaft müsse sich jedenfalls "daran gewöhnen, dass das binäre Verständnis von Geschlecht - eben männlich und weiblich - in einer modernen Gesellschaft nicht mehr" ausreiche. Ignorieren und Ablehnen sei "keine Option", so Lehmann.

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Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 26.05.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Foto ganz oben zeigt den jungen Transmann Lukas im Gespräch mit SR-Reporterin Lisa Krauser (Foto: SR Fernsehen).

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