Warum der Altpapierpreis im Sturzflug ist

Warum der Altpapierpreis im Sturzflug ist

Ein Gespräch mit SR-Reporterin Krissy Mockenhaupt

Jochen Marmit   29.04.2020 | 15:56 Uhr

Die Preise für Altpapier fallen seit Jahren stark. Der Grund dafür ist, dass China immer weniger Altpapier aus Deutschland importiert - weil unser Altpapier oft schlecht sortiert ist. Wie sich das auf unsere Müllpreise auswirken könnte und wie die Corona-Krise die Altpapierpreise beeinflusst, das erklärt SR-Reporterin Krissy Mockenhaupt im Gespräch mit Jochen Marmit.

Jochen Marmit: Wir Deutschen halten uns ja immer für die großen Profis in Sachen Mülltrennung gehalten. Bis vor knapp drei Jahren China auf einmal gesagt hat: Euer Müll ist schlecht sortiert, den wollen wir nicht mehr haben. Da haben wir plötzlich gemerkt: nur weil wir was in die gelbe Tonne werfen ist das nicht unbedingt gut zu recyceln.

Das gilt aber nicht nur für Plastikmüll - sondern auch für Altpapier. Auch das will China nicht mehr haben und sorgt damit dafür, dass das Altpapier fast nichts mehr wert ist. Unsere Reporterin Krissy Mockenhaupt hat darüber recherchiert. Über welche Summen sprechen wir denn?

Krissy Mockehaupt: Das Altpapier hat in den letzten Jahren etwa um 2/3 an Wert verloren. Laut dem Städte- und Gemeindebund gab es vor ein paar Jahren noch um die 150 Euro pro Tonne, jetzt sind es nur noch gut 60 Euro.

Marmit: Und das liegt nur an China?

Mockehaupt: Nicht nur, aber hauptsächlich. Immerhin hat China früher etwa 30 Mio Tonnen Altpapier pro Jahr importiert - heute nur noch 5 Mio. Das sorgt für einige Tonnen mehr auf dem Weltmarkt, also das Angebot wächst, die Nachfrage sinkt.

Marmit: Aber warum will China unser Altpapier nicht mehr haben?

Mockenhaupt: Weil zu viele Fremdstoffe drin sind. Denn genauso wie Plastikmüll nicht gleich Plastikmüll ist, ist Altpapier eben nicht gleich Altpapier.

"Es gibt nach wie vor sehr viele Beschichtungen, Verklebungen, der Einsatz von UV-Lacken, die einfach ein adäquates Recycling verhindern oder, ja – komplett unmöglich machen", sagt Andreas Jensvold vom Entsorgungsunternehmen Veolia.

Also lauter solche Sachen wie Briefumschläge mit Plastiksichtfenstern, Hochglanzprospekte - also Papier, dass mit Plastik "kaschiert" ist, Thermopapier von Kassenbons und und und. Alles das sind Fremdstoffe und von denen dürfen seit 2018 maximal noch 0,5 Prozent im Altpapier drin sein, sonst nimmt China das nicht mehr an.

Marmit: Kann man denn irgendwie dafür sorgen, dass weniger Fremdstoffe im Altpapier drin sind?

Mockenhaupt: Klar. Andreas Jensvold sieht vor allem die Hersteller in der Pflicht, die das Papier in Umlauf bringen. Die müssten viel stärker darauf achten, dass sie keine Stoffe miteinander verbinden, die sich nachher nicht mehr richtig voneinander trennen lassen. Denn dann kann man eben nichts recyceln. Und da haben wir als Verbraucher einfach wenig Einfluss darauf. Dann wäre es natürlich super, wenn wir alle nochmal genauer schauen, was eigentlich in die blaue Tonne gehört und was nicht. Zum Beispiel Kassenbons oder Papier, das mit Plastik verklebt ist - das gehört in den Restmüll. Und dann können natürlich auch die Entsorger das Altpapier besser sortieren.

Das ist aber für manche kleinere Unternehmen zu aufwendig, sagt Thomas Braun, Geschäftsführer des Fachverbands Papierrecycling BVSE. Und: Das Altpapier nach China zu liefern bleibe trotz verbesserter Recyclingverfahren ein riskantes Geschäft:

"Denn wenn sie mit einer Rückweisung ihrer Lieferung konfrontiert sind, das bringt dermaßen immense Kosten mit sich, dass das einen kleinen Mittelständler in wirkliche Bedrängnis bringen kann."

Marmit: Du hast eben gesagt es liegt hauptsächlich an China, dass die Entsorger nur noch so wenig Geld fürs Altpapier kriegen, aber nicht nur. Woran liegt’s denn noch?

Mockenhaupt: Das hat auch damit zu tun, dass die Qualität des Altpapiers gesunken ist, vor allem bei uns zuhause. Früher sind in der blauen Tonne hauptsächlich grafische Papiere gelandet, wie Zeitungen und Zeitschriften. Die haben lange Fasern und sind gut zu recyceln. Heute landet da - unter anderem durch den Online-Handel - sehr viel Pappe drin. Und weil die schon so viel Recycling-Material enthält ist da nicht mehr viel rauszuholen. Denn nach circa fünf mal recyceln ist so eine Papierfaser durch und kann nur noch entsorgt werden.

Marmit: Hat das denn auch Folgen für uns, wenn die Entsorger weniger Geld für ihren Müll bekommen? Also zum Beispiel steigende Müllgebühren?

Mockenhaupt: Das kann passieren, durch die Altpapiererlöse werden unter anderem die kostenlose Sperrmüllsammlung oder niedrigere Preise für den Restmüll subventioniert. Vom Städte- und Gemeindebund und auch vom Entsorgungsverband Saar heißt es aber auch, dass in der gesamten Gebührenkalkulation die Altpapiererlöse nur eine kleine Position einnehmen. Dass bei uns im Saarland die Müllgebühren wegen des Quasi-Importstopps in China steigen sei deshalb eher unwahrscheinlich. Entsorger rechnen auch damit, dass die Preise durch die Corona-Krise wieder ansteigen. Weil einfach bei vielen großen Altpapierproduzenten aus der Industrie gerade weniger Müll produziert wird - und damit wird unser Altpapier, das wir produzieren, wieder wertvoller.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 29.04.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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